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Besinnlicher Pendelverkehr

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Die A1 beschert Pendlern auf dem Arbeitsweg wenig gute Laune. Das Autofahren bringt selbst in der Vorweihnachtszeit das Schlimmste aus den Menschen hervor.

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748 Kilometer führen von Heiligenhafen bis nach Saarbrücken und irgendwo dazwischen liegt das Oldenburger Münsterland. Das ist die Autobahn 1. Ich nutze bei meiner täglichen Arbeitsstrecke von Oldenburg nach Vechta und zurück nur jeweils 13 Kilometer davon, aber das reicht aus. Das Gefühl teilen viele Pendler, ich treffe auf verständnisvolles Nicken: "Du fährst die A1? Mhm, seufz… Baustellen… Schulterzucken, mhm, Staus… mhm, Unfälle, jaja…"

Wenn es sich also mal wieder staut, während ich pendel, frage ich mich, ob für diesen Zustand nicht das falsche Wort gewählt wurde. Ich bin kein Körper, der um seine eigene Ruheposition schwingt, sich langsam hin und her bewegt und dann irgendwann stehen bleibt. Wenn das Ziel erreicht ist, bleibe ich zwar stehen, aber eine Ruheposition erreicht mein Körper beim Autofahren bestimmt nicht. Ruhe ist sogar das Gegenteil von dem, was mir auf der A1 in den Sinn kommt. Und damit bin ich nicht allein. 

"Selbst in der besinnlichen Vorweihnachtszeit wird beim Autofahren aus einem Yogi plötzlich ein Hulk."Fenja Hahn

Im sicheren, geschützten Raum des Autos wird auch der friedlichste Pendler mal laut: "Wo hast du den deinen Führerschein gemacht?" und "Da rechts ist auch noch eine Spur" sowie "Blink doch" sind noch Klassiker. Im Eifer des Gefechts entstehen aber auch vollkommen neue Schimpfwörter und Flüche. Selbst in der besinnlichen Vorweihnachtszeit wird beim Autofahren aus einem Yogi plötzlich ein Hulk.

Während andere Wagen vorbeibrausen, die Lkw brummen und aus dem Radio mindestens das 37. Mal an diesem Tag "Last Christmas" schallt, hört mich draußen niemand brüllen. Ob ich es wegen der nervigen Weihnachtsmusik oder wegen der anderen Verkehrsteilnehmern tue? Vielleicht ist es auch beides. Wenn Autofahren nicht selber so ein Aggressionspotenzial hätte, könnte man dort sicherlich gut Aggressionen bewältigen.

Das Autofahren bringt das Schlimmste im Menschen hervor

Autofahren und Psychologie liegen oft dicht nebeneinander. Glaubt man einem Zeit-Artikel von Arno Frank, können wir nirgends so viel über uns erfahren wie im Innenraum des eigenen Autos. Oft bringt das Verkehrsmittel wohl das Schlimmste im Menschen hervor. Der amerikanische Journalist Tom Vanderbilt hat darüber sogar ein Buch geschrieben.

Wie kommt es, dass wir alle von uns denken, perfekte Autofahrer zu sein? Aber auf der A1 um uns herum dann nur miese Autofahrer sind? Denn der Fehler liegt ganz bestimmt nicht bei uns selbst. Laut Vanderbilt tun bei dem Phänomen auch Vorurteile ihr Übriges. "Jeder Popel fährt 'nen Opel", sangen 1991 die Prinzen. Ich mache 30 Jahre später Platz, wenn ich im Rückspiegel einen Mercedes sehe. Aber bevor ich das nächste Mal auf der A1 zu Hulk werde, denke ich an das Pendel und die Ruhe. Ich wünsche eine gute Fahrt.


Zur Person:

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