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BeReal und der Endgegner Authentizität

Meine Woche: Meine letzten 7 Tage sind dank der App BeReal durch tägliche Momentaufnahmen dokumentiert. Ob meine Fotos in der "Anti-Instagram"-App aber authentisch sind, weiß ich nicht.

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„It's time to BeReal!“ Dieser Satz pausiert seit einigen Monaten täglich das Leben von Millionen von Menschen – egal, was sie gerade tun, wo sie gerade sind oder ob sie überhaupt die Zeit und Laune haben, ihren Tag zu unterbrechen. Und was machen die ganzen Leute dann, wenn sie kurz innehalten und auf ihr Handy schauen? Ja, Fotos natürlich! Grund ist die App BeReal. Sie schickt einmal am Tag eine Push-Nachricht ab. Die Nutzer sind aufgefordert, innerhalb von 2 Minuten mit der Front- und Hauptkamera ein Foto zu machen. Springt man nicht sofort, wenn die Benachrichtigung kommt, wird man als „late“ gebrandmarkt – für Leute mit Jobs eigentlich Standard.

Da ich einer der Idioten bin, der diese App installiert hat, war auch meine letzte Woche geprägt von dem täglichen In-der-Gegend-stehen-Bleiben, um ein dummes Selfie zu machen. Und das an 6 der 7 Wochentage – man sieht: Die Motivation lässt nach. Denn den Reiz verstehe ich. An sich bietet BeReal eine Art privates Instagram. Nur Menschen, mit denen man befreundet ist, sehen die Bilder – vorausgesetzt, man stellt es so ein. Auf die BeReals kann man übrigens auch „live“ mit einem Foto reagieren und kommentieren. Wurde also jemand auf einem Date erwischt, reihen sich die schockierten Reaktionsbilder der Freundesgruppe. Und wie kann man als junger Mensch nein dazu sagen, täglich seine Freunde zu sehen? Das ist ohne Apps nun mal kaum möglich.

"Ich glaube, ein 'authentisches' Social Media ist nicht möglich."Ella Wenzel

Nach einigen Monaten Erfahrung mit BeReal ist aber klar: Die App ist alles außer „real“ – auch, wenn die Hersteller gerne damit werben. Sie wollen vergebens das Anti-Instagram sein. Aber dadurch, dass man später posten kann, ist es allzu leicht, in alte Muster zu verfallen. Um 8 Uhr morgens ist BeReal-Zeit, abends mache ich etwas Cooles – ja, dann warte ich halt. Denn niemand will langweilig wirken. Und da ist dann wieder die verzerrte Wirklichkeit, die es ja eigentlich nicht geben soll. Instagram lässt grüßen.

Ich glaube, ein „authentisches“ Social Media ist nicht möglich. Ich verstelle mich doch auch im echten Leben, immer der Situation angepasst. Das ist nun mal normal. Wieso sollte ich dann im Internet, wo meine Beiträge permanent und intensiver zu mustern sind, auf einmal mein „wahres Ich“ zeigen? Die Höhe der Diskussion um eine „authentische“ Social-Media-App war dann ein Kommentar, den ich auf TikTok gesehen habe. Perfekt wär eine App, schrieb ein Mädchen, wenn sie einfach an einer zufälligen Uhrzeit am Tag jeweils ein Foto mit der Front- und Hauptkamera machen würde. Ich lasse ja nicht gerne den Deutschen raushängen, aber denkt denn mal jemand an den Datenschutz?!

So schön und gut möchtegern-authentische Social-Media-Plattformen auch sind, von einer positiven Entwicklung würde ich da nicht sprechen. Vor allem, wenn man bedenkt, wer die Apps hauptsächlich nutzt. Spoiler: Erwachsene Menschen mit kritischem Medienverständnis sind es nicht. Das öffnet die Tür für so viele Problemherde, dass ich sie mir gar nicht alle vorstellen kann. Authentisch ist das dann bestimmt, aber authentisch heißt ja nicht gleich gut.


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