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Baumschützer beklagt: Buchen verdorren unter neuem Pflaster

Die ersten beiden Bäume an der Schützenstraße sind schon gefallen, weitere werden folgen. Die Stadt verweist auf Vorschäden als Ursache. Für Antonius Bösterling ist das nur die halbe Wahrheit.

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Das Ende der Buchen: Die geschädigten Bäume sind gerodet worden. Die Stadt bestreitet jeden Zusammenhang zum neuen Radweg. Foto: Kreke

Das Ende der Buchen: Die geschädigten Bäume sind gerodet worden. Die Stadt bestreitet jeden Zusammenhang zum neuen Radweg. Foto: Kreke

Ein neuer Gehweg schneidet alten Buchen die Wasserversorgung ab, über 30 Linden verlieren ihre Krone, eine Trauerweide wird zum „Pilzkopf“ gekappt: Solche Eingriffe ins öffentliche Grün hat der Cloppenburger Diplom-Gärtner Antonius Bösterling erneut angeprangert. Nicht zum ersten Mal.

Alle Jahr wieder, kurz vor dem Austrieb der Bäume, beobachtet der Ex-Geschäftsführer der Deutschen Garten-Gesellschaft grobe Schnitte, die er als unfachliche Verstöße gegen alle Regeln des Gehölzschnitts beklagt. Bösterling beruft sich auf ein amtliches Standardwerk, das eigentlich für alle (hauptberuflichen) Baumpfleger verpflichtend ist, die „ZTV-Baumpflege“. In der Praxis scheint die fachliche Anleitung kaum zu wirken.

Beispiel Nr. 1: An der Soeste gegenüber des Hospitals sind am Radweg zwischen Cloppenburg und Ambühren 3 Trauerweiden eine „Pilzkopf-Frisur“ verpasst worden. Die herabhängenden Äste sind ringsum bis auf rund 4 Meter Höhe gekappt worden.

Trauerweide braucht bis zu 3 Jahre zur Erholung

Der „Habitus“, das typische Erscheinungsbild dieser Bäume, sei damit unnötig zerstört worden, meint der Experte. Denn ein solcher Radikalschnitt sei eigentlich nur an vielbefahrenen Straßen üblich, damit Lastzüge nicht am Astwerk hängenbleiben. „Hier führt aber nur ein Radwanderweg unter der Weide hindurch“, wundert sich Bösterling: Ein paar Zweige über den Radlern hätten genügt. Jetzt brauche der Baum 2 bis 3 Jahre, um sich wieder zu vervollständigen – womöglich bis zur nächsten Kappung. Bessere, weil sorgsamere Beispiele hat der Gartenarchitekt in den privaten Gärten entlang der Soeste gefunden.

Zum Pilzkopf umfrisiert: Die Trauerweide an der Soeste hat ihre Form eingebüßt.Zum "Pilzkopf" umfrisiert: Die Trauerweide an der Soeste hat ihre Form eingebüßt.

Dort hätten die Eigentümer offenbar "mehr Achtung vor der Romantik einer Trauerweide", sagt er. Gemeint ist das (Zeit)-Gefühl dieser Epoche, als die englische Gartenkunst den Baum populär machte: „Unter den hängenden Zweigen fühlt man sich wie in einer Kapelle“, schwärmt Bösterling: „Geschützt, geborgen und einsam.“ Oft wurde die Trauerweide zum Gedenken gepflanzt mit einer Bank darunter, die zum Erinnern und zum Träumen einlud.

Beispiel Nr. 2: Auf seinem Parkplatz ließ ein Discount-Markt in Cloppenburg vor Wochen rund 30 Linden „köpfen“, vermutlich um sich die Arbeit mit dem Laub und dem sogenannten „Honigtau“ zu ersparen. Honigtau sind die Hinterlassenschaften von Blattläusen, die klebrig auf Autos klecksen können – ein Phänomen, das in Berlin oder Hamburg die Autofahrer an etlichen Straßen in Kauf nehmen müssen. Weshalb das in Cloppenburg offenbar anders ist, will dem Diplom-Gärtner nicht einleuchten: „Ich wundere mich, wie dieser Supermarkt dazu Werbetafeln mit Frische und Nachhaltigkeit plakatiert“, sagt er.

An Schützenstraße sterben Buchen und Eichen ab

Beispiel Nr. 3: Nach dem Bau eines neuen Gehweges an der Schützenstraße sind die ersten 2 Buchen auf dem Gelände des ehemaligen Schützenhofs gefällt worden, weil sie nach Angaben des mit der Rodung beauftragten Gartenbaubetriebs nicht mehr standsicher waren. Bösterling und seine Kollegen befürchten: Es wird nicht der letzte Verlust sein.

„Wahrscheinlich sind beim Bau des Wegs die Wurzeln gekappt worden“, vermutet der Cloppenburger. Die Stadt widerspricht: Die Verwaltung habe während der Arbeiten streng auf den Schutz der Wurzeln geachtet und schon vorab die Tiefe der Ausbaggerung begrenzt, betont Pressesprecherin Friederike Bockhorst auf Nachfrage. Dem Unternehmen sei dabei kein Fehler unterlaufen. Die Ursache müsse weiter zurückliegen. Die jetzt sichtbaren Schnittstellen der beiden gefällten Buchen zeigen „deutliche Schädigungsspuren“, die sich wahrscheinlich innerhalb der vergangenen 10 Jahre allmählich entwickelt hätten, so das Urteil der städtischen Fachleute. Immerhin in einem Punkt sind sich beide Seiten einig: Auch die verbliebenen Bäume werden wahrscheinlich absterben, weil auch sie vorgeschädigt sind.

Bösterling hält das nur für die halbe Wahrheit. Das „viel zu nah“ am Stamm angelegte Pflaster leite das Regenwasser weg von den 4 noch lebenden Buchen und 6 alten Eichen auf Höhe des Hauses Nr. 3. Zudem sind die Bäume schon beim Bau eines großen Wohnhaus-Komplexes auf der Hausseite bis zur Dachkante hinauf abgeastet worden. Jetzt folgt die nächste Schwächung: zu wenig Wasser. Der schmale Erdstreifen am Stamm reicht nach Darstellung des Fachmanns zur Versorgung nicht aus. Denn: Buchen leiten über ihr Blattwerk den fallenden Regen bis an den Rand ihrer Krone, wo er herabtropft und von dem Feinwurzeln aufgenommen wird. Das bedeutet: Schon die Straßendecke kapselt die Wurzeln ab, der Gehweg verschärft das Problem.

Alternative wäre Splittweg mit durchlässigem Netz

Bösterling hätte deshalb an dieser Stelle statt des Pflasters lieber einen Splittweg gesehen, der mit einem wasserdurchlässigen Gewebe unterfüttert wird. „Hier ist ja nicht so viel Verkehr“, meint der Diplom-Gärtner zur Frage der Belastbarkeit. Dazu hätte jedoch vor dem Bau eine andere Entscheidung getroffen werden müssen. Im Nachhinein nützt die „Baumpflege-Bibel“, die Bösterling gern zitiert, nichts. Denn die Richtlinie schützt vor allem Auftraggeber, die es erst mit dem Baumschutz meinen: Verstößt ein beauftragter Gartenbau-Betrieb gegen die fachlichen Grundsätze, kann der Auftraggeber die Zahlung verweigern. Wenn jedoch kein Interesse an den Regeln besteht, passt ein altes Sprichwort: Wo kein Kläger, da kein Richter.

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