Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Badeunfall rückt Sicherheitsfrage wieder in den Fokus

Zwei Jugendliche wären am Pfingstmontag im Goldenstedter Hartensbergsee beinahe ertrunken. Zum Glück war der Vorsitzende der DLRG Visbek zufällig privat vor Ort und einer der Retter.

Artikel teilen:
Als dieses Foto am Montagnachmittag geschossen wurde, war von der Dramatik am Abend noch nichts zu ahnen. Foto: Ferber

Als dieses Foto am Montagnachmittag geschossen wurde, war von der Dramatik am Abend noch nichts zu ahnen. Foto: Ferber

Es soll ein entspannter Pfingstmontag werden. Spaß haben, Kicken mit ihren Mädels vom BV Cloppenburg am Goldenstedter Hartensbergsee. Doch für Sarah Geerken nimmt der Tag nach 18 Uhr eine ungeahnte Wendung. Plötzlich hört die 21-Jährige Hilferufe, sieht zwei Schwimmer im See. "Einer hat aufs Wasser gepatscht und ist zwischendurch immer nach unten verschwunden. Das war für mich der Auslöser: 'Okay, ich muss jetzt direkt helfen.' Uns wurde früher immer eingeprägt: 'Sobald jemand Hilfe ruft, muss man helfen'", erklärt die Lutterin.

18-Jähriger und 16-Jähriger in Gefahr

Ohne lange zu überlegen, schnappt sich Sarah Geerken, selbst durch eine Verletzung gehandicapt, ein Stand-up-Paddle-Board. "Ich wusste, ich darf nicht schwimmen, weil ich einen Kreuzbandriss hatte, der noch nicht so lange her ist", berichtet die Abwehrspielerin des Fußballzweitligisten aus Cloppenburg. Sie habe immer versucht, die beiden Schwimmer - nach Angaben der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta handelt es sich um einen 18-jährigen und einen 16-jährigen Goldenstedter - im Blick zu behalten.

Zur Hilfe eilt ihr Sven Diekmann, Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Visbek. Er ist an diesem Tag mit seiner Freundin zufällig privat am Hartensbergsee und quasi schon auf dem Nachhauseweg. "Ich hätte eine Minute später im Auto gesessen, dann wäre mindestens einer tot gewesen." Diekmann kann den ersten Verunfallten, der näher ist, sichern und weiteren Badegästen übergeben, die den jungen Mann aus dem gesicherten Uferbereich an Land bringen. Doch inmitten des Sees geht es um Leben und Tod. "Als ich bei dem anderen war, habe ich ihn gerade noch greifen können. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich ein paar Sekunden später da gewesen wäre", schildert Sarah Geerken die aufwühlenden Momente der Rettung. "30 Sekunden später hättest du nach ihm tauchen müssen", unterstreicht Sven Diekmann die Dramatik.

"Ich bin einfach losgeschippert, habe versucht, das Bestmögliche rauszuholen."Sarah Geerken, Fußballerin BV Cloppenburg

Mit vereinten Kräften und dem Board als Auftriebskörper gelingt es beiden schließlich, den zweiten Goldenstedter Richtung Strand zu bugsieren. Hätte er das volle Gewicht allein schleppen müssen, sagt der DLRG-Vorsitzende, wäre selbst er als geübter Schwimmer an seine Leistungsgrenze gestoßen. "An Land haben wir Erste Hilfe geleistet, versucht, sie die ganze Zeit wach zu halten", beschreibt Sarah Geerken. Über eine Gefahr für sich selbst habe sie nicht groß nachgedacht. "Ich bin einfach losgeschippert, habe versucht, das Bestmögliche rauszuholen. Und das hat zum Glück funktioniert."

Sven Diekmann äußert im Zuge dieses Vorfalls erneut sein Unverständnis darüber, dass am Goldenstedter Hartensbergsee seit vielen Jahren auf die Dienste der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft verzichtet wird. Seine Bedenken, Diekmann spricht von "Missstand", hatte er zusammen mit Kollege Thorsten Lampe bereits im August 2016 in einem Leserbrief mit der Überschrift "Dem Hartensbergsee fehlt ein Sicherheitskonzept" öffentlich geäußert. Ein paar Tage zuvor hatte es damals ebenfalls einen Badeunfall gegeben.

"Wenn man sehen will, wie man‘s richtig macht, dann geht man nach Holdorf."Sven Diekmann, DLRG Ortsgruppe Visbek

Diekmanns Bilanz zum aktuellen Unfall fällt ähnlich ernüchternd aus. Er listet eklatante Mängel auf. "Keine Rettungsmittel, keine Sanitätsausrüstung, keine Rettungsschwimmer, keiner der Bediensteten war im Ansatz rettungsfähig. Das ist eigentlich ein Skandal im höchsten Maße." Badeverbotsschilder reichten nicht aus, da schützten auch 100 Stück nicht vor der Verkehrssicherungspflicht. "Wenn man sehen will, wie man‘s richtig macht, dann geht man nach Holdorf." Er habe aber, so Diekmann, seine Kooperation angeboten und sei gerne dabei, an einem Sicherheitskonzept mitzufeilen. "Nur eine DLRG-Überwachung auf die Beine zu stellen, dass kriegst du nicht eben so hin. Was man da so 'aus der Hüfte' machen kann, weiß ich nicht."

Gäste- und Touristikverein berät sich

Diekmann, seit über 30 Jahren DLRG-Mitglied, fordert in diesem Zusammenhang auch die Mitbürger auf, die Augen offenzuhalten. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund könnten oft nicht schwimmen. "Da muss man gegenseitig ein bisschen mehr auf sich aufpassen." Er befürchte zudem, dass Corona-bedingt der eine oder andere auf nicht ausgewiesene Badestellen ausweiche, die nicht gesichert sind. Eine weitere Gefahr: "Aufgrund der aktuellen Wassertemperatur hat man sehr schnell Kreislaufprobleme und ermüdet ganz schnell. Selbst ich als geübter und trainierter Schwimmer habe Anzeichen einer Unterkühlung gehabt danach."

Hubert Wilkens, in dritter Saison Platzwart des Hartensbergsees und Vorstandsmitglied des Betreibers, des Gäste- und Touristikvereins, verweist auf Nachfrage auf die Schilder "Baden auf eigene Gefahr". Er räumt aber auch ein: "Nur wenn da 1500, 2000 Leute zu normalen Zeiten baden, ist es meines Erachtens schon sinnvoll, dass dort eine Badeaufsicht ist. Ich habe diesbezüglich mit Sven Diekmann auch schon gesprochen." Für Donnerstagabend war laut Wilkens eine Zusammenkunft des Vereinsvorstandes angesetzt, um über das Thema zu beraten. "Da tut sich in nächster Zeit etwas." Warum dies bisher nicht der Fall war, könne er nicht sagen.

Gemeinde bringt gutachterliche Prüfung ins Spiel

Bürgermeister Alfred Kuhlmann (parteilos) erklärt, der Gäste- und Touristikverein (GuT) stehe als Betreiber des Badesees aktuell regelmäßig mit der Gemeinde in Kontakt, um in Corona-Angelegenheiten rund um den Badesee zu informieren. "Der GuT hat nach dem Badeunfall am Pfingstmontag abends die Gemeinde ebenfalls unterrichtet", so Kuhlmann. Beim Hartensbergsee handele es sich nicht um ein öffentliches Badegewässer. "Es ist keine Badeanstalt, sondern eine Badestelle. Die Nutzung des Sees geschieht auf eigene Gefahr, eine entsprechende Beschilderung ist vorhanden", sagt der Bürgermeister.

Die Aufkündigung der damaligen Rettungsdienste sei durch den Betreiber des Badesees GuT erfolgt. "Ob für ein nicht-öffentliches Badegewässer eine Rettungseinheit mit geschultem Personal vor Ort sein muss, darüber gibt es wohl unterschiedliche Auffassungen", erklärt Kuhlmann – und ergänzt: "Natürlich erfordern derartige Beinah-Unfälle Überlegungen, um die Gesamtsituation zu optimieren. Wir werden hierzu als Gemeinde ein Gespräch mit dem GuT suchen." Eventuell sei gutachterlich zu prüfen, ob und in welcher Form beim Hartensbergsee eine Rettungseinheit erforderlich sei.

Die beiden verunfallten Jugendlichen waren nach dem Unglück ansprechbar, wurden aber zur weiteren Beobachtung ins Vechtaer Krankenhaus gebracht. Darüber hinaus ist von der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta zu erfahren, dass es nach Badeunfällen ohne Fremdeinfluss oder -verschulden standardmäßig keine öffentliche Meldung gebe. In solchen Fällen sei primär der Rettungsdienst zuständig, die Polizei häufig nur unterstützend dabei.

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Badeunfall rückt Sicherheitsfrage wieder in den Fokus - OM online