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Ausbildung nach Flucht: Fleiß zahlt sich für Habib Rahmani aus

Der afghanische Flüchtling kam vor sechs Jahren in den Kreis Vechta. Derzeit beendet er seine Ausbildung zum Elektriker in Goldenstedt. Seine Chefs sind begeistert vom Engagement ihres Lehrlings.

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Arbeitet gerne: Habib Rahmani beendet derzeit seine Ausbildung zum Elektriker in Goldenstedt. Ein Schaltschrank stellt für ihn kein Problem mehr dar. Foto: C. Meyer

Arbeitet gerne: Habib Rahmani beendet derzeit seine Ausbildung zum Elektriker in Goldenstedt. Ein Schaltschrank stellt für ihn kein Problem mehr dar. Foto: C. Meyer

Die praktische Prüfung rückt immer näher. Ist Habib Rahmani schon nervös? Er schüttelt den Kopf. „Bei der theoretischen Prüfung war ich schon nervös, aber jetzt bei der praktischen nicht“, sagt er selbstbewusst. Der 29-Jährige beendet in Kürze seine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Seine Chefs, Arne Pawel und Christoph Kossen von PK Elektrotechnik in Goldenstedt, sind stolz auf die Leistung ihres Lehrlings. Denn Rahmani kam vor sechs Jahren als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland.

Die genauen Umstände seiner Flucht möchte Habib Rahmani nicht in der Zeitung lesen, sagt er. Zu groß ist die Furcht vor Repressalien der Taliban. Schließlich lebe seine gesamte Familie noch in Afghanistan, etwa 30 Kilometer von Kabul entfernt. Die aktuellen Entwicklungen dort verfolge er mit Sorge, schildert der 29-Jährige. Der Familie gehe es aber derzeit gut, versichert er. Den Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern hält er über das Internet, sagt Rahmani. Seit der Flucht sei er nicht mehr in Afghanistan gewesen. Zwar vermisse er seine Familie, aber angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan vermisse er sein Heimatland nicht. „Wenn ich Hunger haben muss und meine Meinung nicht frei äußern darf, dann möchte ich auch nicht wieder zurück.“

Azubi gilt als höflich und hilfsbereit

Seinen Ausbildungsplatz bei PK Elektrotechnik habe Rahmani eher durch einen Zufall bekommen, berichtet Christoph Kossen. Der 29-Jährige hatte zunächst ein Praktikum bei einem anderen Elektrobetrieb in Goldenstedt gemacht. Da ihm dort keine Ausbildung zugesichert werden konnte, hatte sich der Betrieb an Kossen gewandt. Ob Habib Rahmani nicht bei ihm die Ausbildung machen könnte. Nach ein paar Probe-Arbeitstagen war Kossen ganz angetan, da er Rahmani als sehr engagiert kennengelernt habe. Die Ausbildung konnte beginnen.

Ein paar Sorgen habe er sich schon gemacht, gibt Christoph Kossen zu und erinnert an den öffentlich gewordenen Fall eines Handwerksbetriebs aus der Region. Einer der Auszubildende hatte ebenfalls einen Migrationshintergrund und eine Kundin habe den jungen Mann deswegen nicht in ihre Wohnung lassen wollen. Kossen möchte Rahmani so eine Erfahrung ersparen. Doch diese Sorgen waren unbegründet. Von den Kundinnen und Kunden habe es bislang ausschließlich positives Feedback gegeben, sagt Kossen. Auch sonst habe er noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, lässt Rahmani wissen.

Rahmani gilt als höflich und hilfsbereit – auch innerhalb der Firma. Im Team herrsche generell ein gutes Miteinander, sagt Christoph Kossen. Nun, das sagt der Chef. Was sagt der Azubi? „Ich finde keine bessere Firma als PK“, sagt Habib Rahmani und lächelt. Die Chefs und Kollegen seien nett zu ihm und er habe Spaß bei der Arbeit, begründet Rahmani. Er mag das Beisammensein, das auch nach Feierabend gepflegt wird, wenn beispielsweise gegrillt oder noch ein Bier getrunken wird.

Täglich an die 30 Vokabeln auswendig gelernt

Die Kolleginnen und Kollegen unterstützen ihn überdies bei Problemen und Fragen, schildert Rahmani. Der Auszubildende lebt in Vechta. Als er dort eine neue Wohnung suchte, half ihm eine Kollegin dabei. Denn: „Als Ausländer ist es schon schwer“, sagt er etwas verlegen. Wenn er Verständnisschwierigkeiten in der Berufsschule hatte, habe er immer ein offenes Ohr im Team gefunden, berichtet der 29-Jährige. Mit der deutschen Sprache hapere es manchmal noch, habe auch Kossen von den Lehrkräften gespiegelt bekommen. Insgesamt sei Rahmani aber gut in der Schule.

Dass die Verständigung auf Deutsch sehr gut funktioniert, beweist der anerkannte Flüchtling bei dem Pressetermin. Dabei hat Habib Rahmani die Sprache auf recht unkonventionelle Weise gelernt, wie er erzählt. Als er nach Deutschland kam, habe er sich ein Wörterbuch gekauft. Täglich habe er etwa 20 bis 30 Vokabeln auswendig gelernt. Als er bei 1000 ankam, habe er aber gemerkt, dass er ohne Grammatikkenntnisse nicht weiterkommt, sagt er und lacht. In Vechta habe er einen Lehrer kennengelernt, der ihm mit der Grammatik half.

Habib Rahmani ist die Arbeit sehr wichtig

Habib Rahmani hat hohe Ansprüche an sich selbst, wie während des Gesprächs deutlich wird. Auch bei der Arbeit stelle er sich jeder Herausforderung. Das beeindruckt den Chef. „Ich bin richtig froh, zur Arbeit kommen zu dürfen“, sagt Rahmani, der immer wieder betont, wie wichtig ihm gute Arbeit ist. „Ohne geht es nicht.“ Er habe sich immer eine sinnstiftende Arbeit „mit einem guten Chef und guten Kollegen“ gewünscht. Deshalb war ihm die Ausbildung auch so wichtig. „Ich verdiene lieber ein paar Jahre während der Ausbildung etwas weniger Geld, als dass ich 30 Jahre lang wenig verdiene“, fasst er es zusammen. Der Beruf des Elektrikers gefalle ihm. „Eine schöne Wohnung wirkt nur mit Licht. Keiner mag es dunkel“, sagt er und lächelt.

Und wie sieht die Zukunft aus? Habib Rahmani wird nach der Ausbildung übernommen, verkündet Christoph Kossen. Der angehende Elektriker nimmt sich außerdem vor, die Weiterbildung zum Techniker zu absolvieren. Zudem möchte er im Kreis Vechta bleiben, sagt er. Dafür werde er sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühen. Kossen möchte seinen Mitarbeiter halten und unterstützt ihn dabei im Rahmen seiner Möglichkeiten, sagt er.

Zum Ende des Gesprächs verrät Habib Rahmani noch einen Wunsch. Er würde gerne der Freiwilligen Feuerwehr beitreten: „Ich möchte Menschen helfen.“ Rahmani sei sich aber unsicher, ob er angenommen werden würde. Kossen, selbst bei der Feuerwehr, wusste davon offenbar noch gar nichts und zeigt sich begeistert. „Wir unterstützen hier Feuerwehrleute“, sagt er und ermutigt seinen Mitarbeiter, bei der Feuerwehr mal anzuklopfen.

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