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Aus der Tiefe des Raumes

Kolumne: Batke dichtet – Fußballkenner wissen genau, was es bedeutet, wenn es um die Formulierung "aus der Tiefe des Raumes" geht. Eine besondere Rolle spielt dabei das ruhmreiche Fußballjahr 1972.

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Reden wir über Erinnerungen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber mit zunehmendem Alter habe ich Ereignisse, die beispielsweise 50 Jahre zurückliegen, präsenter vor Augen als jene, die vor 10 Jahren passierten. Im komplizierten Geflecht aus Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis ertappe ich mich immer häufiger dabei, dass ich in den älteren Bänden des Archivs meines Daseins stöbere.

Eine besondere Rolle spielt dabei 1972 – ein Jahr, in dem ich als im Januar Geborener über weite Strecken 16 war. Im Rückblick meine ich, als 16-Jähriger damit begonnen zu haben, die Zusammenhänge des Lebens im Groben zu begreifen, was sich freilich im Schulischen nicht in den Bereichen Mathematik und Physik niederschlug. Schwamm drüber, binomische Formeln und Newtons Gravitationsgesetz interessierten mich nur am Rande. Ein anderes Phänomen faszinierte mich umso mehr – es war die Tiefe des Raumes.

"Den schönsten Fußball, so sind sich Fachleute und Historiker einig, spielten die Jungs mit dem Adler auf der Brust 1972."Alfons Batke

Fußball-Experten wissen natürlich sofort, was damit gemeint ist. "Aus der Tiefe des Raumes" beschreibt die Art des Kickens, die insbesondere mit der deutschen Nationalmannschaft aus dem Jahr 1972 in Verbindung zu bringen ist. Okay, es hat im Laufe der Jahrzehnte viele bedeutende, großartige und durchaus spektakuläre Siege der DFB-Teams gegeben, darunter selbstverständlich auch das 7:1 im WM-Halbfinale von 2014 gegen paralysierte Brasilianer, aber den schönsten Fußball, so sind sich Fachleute und Historiker einig, spielten die Jungs mit dem Adler auf der Brust 1972.

Als Highlight gilt dabei nicht so sehr der souveräne EM-Triumph gegen die UdSSR (3:0 im Finale von Brüssel), sondern das 3:1 im Viertelfinal-Hinspiel gegen England. Am kommenden Freitag (29. April) ist das genau 50 Jahre her. Es war ein besonderer Sieg, es war der erste Erfolg einer deutschen Nationalmannschaft auf englischem Boden, und ja, es war eine Revanche für das historische WM-Finale von 1966 – zumal sie auch an gleicher Wirkungsstätte, in Wembley nämlich, gelang. Letztlich aber war es ein Triumph der Schönheit des Fußballs, und dafür wird der 29. April 1972 (es war ein Samstag) immer stehen.

Kunst am Ball hat auch mit Arbeit zu tun

Der Protagonist für den Fußball "aus der Tiefe des Raumes" war Günter Netzer mit seinen raumgreifenden Sprints und zentimetergenauen Pässen sowie seinem kongenialen Wechselspiel mit Libero Franz Beckenbauer, das der Boulevard auf die simple Formel "Ramba Zamba" brachte. Günter Netzer hatte in Herbert "Hacki" Wimmer seinen "Wasserträger", Beckenbauer in Hans-Georg "Katsche" Schwarzenbeck seinen "Ausputzer" – Kunst hat auch mit Arbeit zu tun. Deren Früchte man umso leichter ernten konnte, wenn man vorn einen gnadenlosen "Vollstrecker" wie Gerd Müller hatte.

Urheber der Formulierung "aus der Tiefe des Raumes" ist Karl Heinz Bohrer, Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er schrieb im Zusammenhang mit dem Gala-Auftritt der 72er-Wembley-Elf auch von einem "Thrill" und definierte es als "das nicht erwartete Manöver, die Verwandlung von Geometrie in Energie". Kurzfristig waren sogar mir Mathematik und Physik sympathisch.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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