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Aufatmen

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Wenn Erinnerungen aus der Kindheit sich mit Lebenserfahrung ergänzen, kann es der Gegenwart nützen.

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Kennen Sie noch den Blasius-Segen. Der wird am 3. Februar, dem Festtag des Heiligen, oder am Tag vorher, an „Mariä Lichtmess“, ausgeteilt. Als Kind war dieser Segen für mich – wie Aschekreuz und Palmstock – viel eindrucksvoller als die offiziellen Sakramente.

Der Blasius-Segen wurde jedem Einzelnen erteilt, dabei hielt der Priester zwei gekreuzte Kerzen in der Hand und murmelte etwas nicht ganz Verständliches, das vor Halskrankheiten und Gräten schützen sollte. Und Gräten kannte ich: freitags gab es Fisch, und damals hatte der Fisch noch Gräten.

Ich wurde älter, manche Wunder verblassten: der Osterhase, das Christkind, dann auch der Blasius-Segen. Gegen Gräten hilft aufpassen, das war mir als Viertklässler klar, kein himmlischer Gegenzauber.

Ich studierte Theologie, so begeistert wie kritisch, und bekam 1978 eine Stelle an der Heimvolkshochschule in Stapelfeld. Am ersten Februarwochenende 1979 hatte ich ein Familienseminar, im Sonntagsgottesdienst in der Hauskapelle sollte auch der Blasiussegen gespendet werden. Damals war Dr. Wilfried Hagemann als Priester in Stapelfeld, ein Mensch, der mich bis heute sehr beeindruckt.

Aber damals, jung und mit der jugendlichen Gewissheit, alles besser zu wissen, dachte ich etwas schadenfroh: „Wie kommt er wohl aus dieser abergläubischen Nummer heraus?“ Doch was Wilfried dann sagte, ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. „Vergesst einmal die Gräten,“ sagte er, und erzählte dann, dass im biblischen Hebräisch das Wort näfäsch sowohl „Kehle“ als auch „Seele“ bedeutet.

„Ich möchte Sie ermutigen, einmal darauf zu achten, wer und was Sie aufatmen lässt.“Heinrich Dickerhoff

Das wusste ich auch, aber ich hatte nie darüber nachgedacht. „Und wie man einem Menschen die Kehle zuschnüren kann, so kann man ihm auch die Seele zuschnüren. An der Kehle merkt man oft, wie es der Seele geht. Wenn wir keine Luft bekommen. Kein Wort herausbringen. Oder aufatmen können.“ Und dann lud er uns ein zum Segen: „Gott will, dass wir aufatmen. Und Kirche ist nur da Kirche Jesu, wo wir aufatmen können!“ So einfach ist das.

Und weil der Blasius-Segen das erinnert, darum ist er mir seit damals auf neue Weise lieb und teuer. Gerade in Corona-Zeiten, wo die Seuche nicht nur Atemwege krank macht, sondern mehr und mehr auch Seelen. Und ich wundere mich, dass Motivationstrainer und Gestalttherapeuten mit solchen magischen Zeichen arbeiten und die Kirche sie fast vergessen hat.

Ich will nun gewiss nicht auffordern, sich in knapp 2 Wochen den Blasius-Segen „abzuholen“. Aber ich möchte Sie ermutigen, einmal darauf zu achten, wer und was Sie aufatmen lässt. Und diesen Erfahrungen mehr zu trauen als dem, was uns die Luft nimmt. Was uns Angst macht. Was unser Herz eng macht. Auf Latein heißt segnen benedicere, wörtlich: sagen, dass es gut ist. Wer immer uns spüren lässt, „gut, dass du da bist“, der segnet uns.

Solcher Segen hilft nicht gegen Gräten und Viren. Aber er hilft gegen die Angst und Enge, die uns Kehle und Seele zuschnüren. Vielleicht können Sie ja am ersten Februarwochenende einen solchen Segen mit anderen teilen.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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