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Auf Tauchstation

Kolumne: Auf ein Wort – Ähnlich wie im Film "Das Boot" erleben wir auch im Lockdown eine Art Tauchstation. Wie gehen wir miteinander um, wenn wir einander nicht aus dem Weg gehen können?

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Manche Filme eröffnen in besonderen Zeiten neue Blickwinkel. So geht es mir mit dem deutschen Erfolgsfilm "Das Boot" von Wolfgang Petersen aus dem Jahre 1981. Es begegnen uns vertraute Gesichter, die einem größeren Publikum damals noch weitgehend unbekannt waren: Jürgen Prochnow, Jan Fedder, Uwe Ochsenknecht und nicht zuletzt Herbert Grönemeyer. Der spielt den jungen Leutnant Werner, einen Kriegsberichterstatter, der das Kriegsgeschehen an Bord beobachtet. Gezeigt wird die U-Bootbesatzung der U 96, die den Auftrag hat, gegnerische Schiffe zu torpedieren.

Angesichts des aktuellen Lockdowns erleben wir auch eine Art Tauchstation. Wir müssen viele Aktivitäten unseres privaten oder beruflichen Lebens herunterfahren. Das Zusammenleben auf Tauchstation kann zu einem Übungsfeld werden. Das zeigt der Film "Das Boot" am Gesicht der Grönemeyer-Figur Leutnant Werner: Wir sehen das lähmende Warten, die wachsende Ungewissheit und Panik. Wir erleben, was diese klaustrophobische Enge aus Menschen machen kann. Leutnant Werner ist umgeben von verschiedenen Mentalitäten, aber auch von unterschiedlichen Gesinnungen. All das kommt auf engstem Raum noch deutlicher zum Vorschein. Daraus könnte eine Frage für unsere Corona-Tauchstation werden: Wie gehen wir miteinander um, wenn wir einander nicht aus dem Weg gehen können? Der Film zeigt: Es sind nervenaufreibende Zeiten, wenn die Zerstörer kommen und das Boot auf Tauchstation gehen muss. Die Anspannung ist beinahe körperlich zu spüren. Alles, was zu hören ist, sind die Echolot-Signale des Zerstörers. Beklemmende Stille in etwa 300 Metern Tiefe.

"Ich wünsche uns immer wieder kleine U-Boot-Zeiten, kurze geistliche Übungsfahrten, die uns in die Tiefe führen."Dr. Marc Röbel

Wenn wir in unserer christlichen Tradition von "Stille" und von "Tiefe" sprechen, dann geht es nicht um etwas Bedrückendes, das runterzieht. Es gibt eine befreiende, beflügelnde Stille. Die kann sich auch auf das Zusammenleben heilsam auswirken. Das hilft besonders in angespannten Situationen. Da kann es eine Hilfe sein, für einen Moment auf Tauchstation zu gehen. Das kann damit beginnen, dass ich aufstehe, das Fenster öffne und durchatme: einatmen, ausatmen, aufatmen. Das lässt sich ohne Aufwand üben.

Auf dem "Boot" gab es eine sogenannte Enigma-Maschine, ein Gerät, mit dem man geheime Funksprüche entschlüsseln konnte. Im Film hört man dazu Grönemeyers Stimme als Kommentar: "Erst durch die Schlüsselmaschine ergibt sich aus wirren Buchstabenfolgen ganz langsam ein Sinn." Eine sinnvolle Schlüsselbotschaft kann immer wieder das ein oder andere Bibelwort sein, das ich in der Stille bedenke. Eines davon lautet: "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir." Ich wünsche uns immer wieder kleine U-Boot-Zeiten, kurze geistliche Übungsfahrten, die uns in die Tiefe führen: Hin und wieder abtauchen, in die Stille eintauchen und dann etwas anders wieder auftauchen.


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel  ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

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