Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Auf nach Oberammergau!

Kolumne: Auf ein Wort – Die Passionsspiele in Oberammergau können für jeden ein Erlebnis sein – unabhängig von der Religion.

Artikel teilen:

Letzte Woche habe ich mir zum 3. Mal in meinem Leben die Passionsspiele in Oberammergau angeschaut. Es war wieder ein eindrucksvolles und großartiges Erlebnis. Ich kann nur sagen: Wer es ermöglichen kann, der sollte sich einmal im Leben den Besuch des Passionsspiels gönnen. Dabei ist es in meinen Augen unerheblich, ob man praktizierender Christ ist oder nur dem Eintrag auf der Steuerkarte nach.

Und wer seinen Blick im riesigen Festspieltheater schweifen lässt, der entdeckt – an Schädelkäppchen oder Kopftuch erkennbar – auch Angehörige anderer Religionen. In diesem Jahr viele jüdische Besucherinnen und Besucher. "Für Besucher anderer Religionen", so meinte ein Bekannter in der Pause, "muss der Besuch sogar noch spannender sein. Wir Christen wissen, wie das Stück ausgeht. Für eine Muslima oder einen Buddhisten stellt sich bei der Verhaftung Jesu vielleicht wirklich noch die Frage, wie die Geschichte denn wohl ausgehen wird!"

Für mich war es die 3. Inszenierung unter der Regie von Christian Stückl. Die Oberammergauer können sich glücklich schätzen, diesen Festspielleiter vor Jahrzehnten berufen zu haben. Auf geniale Weise schafft er es, den Menschen von heute die Essentials der Frohen Botschaft Jesu nahe zu bringen. Dabei setzt er bei jeder Inszenierung neue Akzente. Im Jahr 2000 war es das Gesamtkunstwerk, was mich fasziniert hat: die Massenszenen mit halb Oberammergau auf der Bühne, mit Kindern und Tieren. Die engagierten Darsteller. Die Musik.

"Wer Ohren hat zu hören, der kann in Oberammergau auch ganz aktuelle kirchenpolitische Bezüge entdecken."Pater Karl Gierse

Bei den Passionsspielen von 2010 haben mich besonders die Verbindungslinien angesprochen, die zwischen Szenen aus dem Alten Testament und Ereignissen aus der Passion Jesu gezogen wurden. In diesem Jahr wurden den fast 5000 Besucherinnen und Besuchern, die zu den einzelnen Vorstellungen kommen, die jüdischen Wurzeln Jesu in Erinnerung gerufen. Unvergessen, wie der Jesus-Darsteller auf der Bühne andächtig und würdevoll die Thora-Rolle erhebt und zusammen mit den Jüngern in hebräischer Sprache das "Schema Jisrael", das zentrale Gebet gläubiger Juden, rezitiert.

Wer Ohren hat zu hören, der kann in Oberammergau auch ganz aktuelle kirchenpolitische Bezüge entdecken. Wenn man die – teils heftigen – Streitgespräche verfolgt, welche die religiösen Führer von damals mit Jesus und seinen Anhängern führen, dann kann man sich in eine Diskussionsveranstaltung versetzt fühlen, die in unseren Tagen zum Thema "Zukunft der Kirche" stattfindet. In diesem Jahr wird das Passionsspiel noch bis zum 2. Oktober aufgeführt. Falls es mit einem Besuch bis dahin nicht klappt, dann sollte es aber 2030 heißen: auf nach Oberammergau!


Zur Person:

  • Karl Gierse ist Prior des Vechtaer Dominikanerkonventes.
  • Er wirkt in verschiedenen Bereichen der Seelsorge in Vechta und im Oldenburger Land.
  • Kontakt unter: redaktion@om-medien.de.

Der neue Newsletter für Friesoythe. Immer am Donnerstag das Wichtigste aus der Eisenstadt in ihrem Postfach. So verpassen Sie nichts mehr.  Jetzt hier kostenlos anmelden

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Auf nach Oberammergau! - OM online