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Auch im Oldenburger Münsterland schlummern seltene Erden – in Schubladen

Handynutzer lassen ihre Altgeräte sehr oft im heimischen Schrank verstauben. Die Bundesstiftung Umwelt bringt nun ein Handypfand ins Spiel. Befragte im Oldenburger Münsterland sehen ein Pfand positiv.

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Nicht entsorgt: Laut Bitkom verstauben 206 Millionen Handys in deutschen Schubladen. Foto: Kühn

Nicht entsorgt: Laut Bitkom verstauben 206 Millionen Handys in deutschen Schubladen. Foto: Kühn

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit Sitz in Osnabrück hat im Rahmen ihres Umweltmonitors Kreislaufwirtschaft im März dieses Jahres unter anderem das Meinungsbild zu einem Pfand auf Smartphones erfassen lassen. Die repräsentative Umfrage des forsa-Institutes ergab: 87 Prozent der Befragten halten ein Handypfand für sehr gut oder gut. Ein Pfand, so die DBU, wäre eine praktikable Möglichkeit, defekte und alte Geräte zur Wiederverwertung wertvoller Rohstoffe wie Kupfer, Kobalt und Tantal sowie Silber, Gold und Nickel oder Seltenerd-Metalle in eine Kreislaufwirtschaft zu geben. Verstauben die Geräte in Schubladen, wären sie einem Rohstoffkreislauf entzogen.

Angesichts der jüngsten Umfrage der DBU überraschen Ergebnisse einer gleichartigen Umfrage des Branchenverbandes Bitkom vom Januar. In dieser äußerte sich die Mehrheit der Smartphonenutzer in Bezug auf ein Handypfand skeptisch. Jeder zweite Nutzer eines Mobiltelefons (53 Prozent) lehnt dieses laut Mitteilung des Verbandes ab. 43 Prozent würden ein Handypfand befürworten.

Rund 80 Prozent eines Handys sind wiederverwertbar

Der weltweite Elektromüll 2019 – vom Monitor über Handy bis hin zum Kühlschrank – wog geschätzt fast 54 Millionen Tonnen. Anlässlich der Vorstellung der Umfrage verglich DBU-Generalsekretär Alexander Bonde: "Das ist das Gewicht von 350 Kreuzfahrtschiffen wie die Queen Mary 2". Pro Kopf und Jahr seien es global etwa 7,3, in Deutschland rund 10,3 Kilogramm. Ein Kreislaufsystem bei Handys dürfte sich in puncto Rohstoffverwertung lohnen. Rund 80 Prozent seiner Bestandteile sind gemäß DBU wiederverwertbar.

Laut dem Portal "statista" nutzen derzeit rund 3,5 Milliarden Menschen auf der Welt ein Smartphone. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. schätzt die Anzahl der Smartphonenutzer hierzulande auf 60,7 Millionen. Rund 22,1 Millionen Smartphones dürften laut Verband in diesem Jahr in Deutschland verkauft werden. Etwa 206 Millionen Geräte bewahren die Bundesbürger laut Bitkom derzeit zu Hause auf.

Die Bitkom-Umfrage brachte auch an den Tag, dass zwei Drittel (67 Prozent) der Nutzer schon einmal ein Althandy entsorgt, verkauft oder weitergegeben hat. 16 Prozent heben hingegen alle Altgeräte auf. Die übrigen nutzen noch ihr erstes Handy oder besitzen keines. Von jenen, die schon einmal ein Althandy entsorgt oder weitergegeben haben, haben es laut Umfrage von Bitkom 55 Prozent verkauft. 37 Prozent haben es zu einer Sammelstelle gebracht. Fast jeder Dritte (29 Prozent) hat auch schon einmal ein altes Handy verschenkt. 13 Prozent bringen oder schicken Altgeräte zu Händlern oder Herstellern zurück. 7 Prozent haben ihr ausrangiertes Gerät auch schon gespendet.

Elektrofachhändler: Neukäufer eines Handys bringt ganz selten sein Altgerät mit

In der Regel, so heißt es bei Elektrofachhändler Expert Bening in Vechta, bekommen die Verkäufer von neuen Handys oder neuen Mobilfunkverträgen die Altgeräte der Kunden gar nicht mehr zu sehen. "Ganz selten, dass ein Kunde sein Altgerät dabei hat", sagt ein Sprecher. Bei Erwerb eines neuen Smartphones gebe kaum jemand sein gebrauchtes Gerät zurück oder in Zahlung.

Es komme schon vor, dass der Händler Altgeräte zurücknehme, weiß der Bening-Sprecher, aber dann seien die Smartphones der Kunden in der Regel defekt oder eine Reparatur lohne sich nicht mehr. Solche Geräte würden gesammelt und an Verwerter übergeben. Für gut erhaltene, gebrauchte Handys nutzten die Kunden unter anderem die Möglichkeit, diese über Internetplattformen zum Kauf anzubieten.

Um die Althandys wieder in den Wertstoffkreislauf zu bringen, könnte doch ein Pfand helfen, dass ähnlich dem Flaschenpfandsystem funktioniert? Bei Neukauf zahlt man ein Pfand, dass es bei Abgabe des Gerätes zurück gibt.

Johannes Timmen (21). Foto: KühnJohannes Timmen (21). Foto: Kühn

Bei einer Straßenumfrage in Cloppenburg und Vechta wird klar, dass es überwiegend Zustimmung für ein Handypfand gibt. Lediglich der 21-jährige Johannes Timmen (Cloppenburg) sieht ein Handypfand etwas skeptischer. In seiner Schublade dürften inzwischen 3 Handys vor sich hinstauben, erzählt er. Warum? "Eigentlich wegen der gespeicherten Daten". Sein jüngstes Gerät benutzt er bereits seit 2,5 Jahren. Damit die Nutzer ihre Altgeräte wieder zurückbringen, sieht er ein Pfand von "maximal 10 bis 20 Euro" als angebracht an: "Aber nicht mehr, sonst wird Telefonieren zu teuer", befürchtet er.

Elisabeth Steins (56). Foto: KühnElisabeth Steins (56). Foto: Kühn

Handynutzerin Elisabeth Steins (vormals Vechta, heute Mannheim) gibt an, dass auch sie Besitzerin "bereits einiger Handys" war. Altgeräte hat sie aber vor allem innerhalb der Familie – "an die Kinder" – weitergereicht. An aktuelle Geräte kommt sie in der Regel dann, wenn die abgeschlossenen Telefonverträge auslaufen. "Bei Neuabschluss hat aber noch nie jemand nach dem alten Handy gefragt", sagt die 56-Jährige. Sie sieht ein Pfand positiv, siedelt dessen Höhe bei 50 Euro pro Gerät an: "Wären es nur 5 Euro, würden die meisten die Rückgabe des Altgerätes vergessen."

"Alle 2 Jahre gibt es ein neues Handy", erklärt Peter Wübbelmann (57, Vechta). Auch er hat Handys in der Schublade. Ein Pfand fände er gut, damit "die alten Dinger nicht zu Hause verrotten". Die Höhe des Pfandes? "30 Euro wäre für junge wie ältere Nutzer eine akzeptable Höhe, denke ich."

Peter Wübbelmann (57). Foto: KühnPeter Wübbelmann (57). Foto: Kühn

Regina Berens sieht ein Pfand grundsätzlich positiv. Sie will allerdings keinen Pauschalbetrag, sondern dessen Höhe vom Kaufpreis des Handys abhängig machen. "Je teurer das Handy, desto höher das Pfand." Ihre Familie besitzt ein weiteres Handy: "Zwar etwas älter, aber voll funktionsfähig - für Notfälle". Die 42 Jahre alte Peheimerin weist darauf hin, dass einige Hersteller bereits ihr eigenes "Pfandsystem" entwickelt haben: "Bei Kauf eines Neugerätes wird dem Kunden eine Rückkaufoption angeboten." Ein solches System bringe auch das Althandy als Wertstoff zurück.

Regina Berens (42). Foto: KühnRegina Berens (42). Foto: Kühn

Andere Befragte, die nicht namentlich genannt werden möchten, geben zu bedenken, dass die Höhe eines Pfandes wohlüberlegt sein müsse. 50 Euro könnten angemessen sein, für einen Schüler wäre dieser Betrag aber schon eine schwer zu schulternde finanzielle Last.

Euronics-Händler Ralf-Günter Wölbern (Cloppenburg) stellt fest, dass "die Kunden ihr Althandy meist wieder mitnehmen oder erst gar nicht dabei haben". Das sei fast immer der Fall, denn "der Nutzer überträgt ja auch noch viele Daten vom alten auf sein neues Handy. Das macht er in der Regel allein und zu Hause."

Viele Geräte würden innerhalb der Familie weitergereicht. Bei Entgegennahme alter Handys in seinem Geschäft, so der Fachhändler, würden die Daten komplett gelöscht und je nach Alter oder Zustand entweder in die Entsorgung gegeben oder einem Dienstleister, gegebenenfalls auch Wiederverkäufern überreicht. "Sind die Handys allerdings 4 oder 5 Jahre alt, dann macht Weiterverwendung meist keinen Sinn mehr, weil technisch überholt." Es gibt auch Inzahlungnahmemöglichkeiten, ist das Handy gebraucht, aber noch am Markt gefragt.

Euronics-Händler Wölbern: Aufbau eines Pfandsystems müsste genau und gerecht geplant werden 

Einem Pfand steht er "aus ökologischen Gründen" nicht ablehnend gegenüber. Für ihn als Händler, so Wölbern, sei aber entscheidend, wie viele Kosten dieses mit sich brächte. Auch der Aufbau des Systems müsste sehr genau und gerecht geplant werden: "Muss ich als stationärer Händler nur die Geräte zurücknehmen, die ich selbst verkauft habe oder alle?"

Angesichts von möglichen Portokosten, die für die Rücksendung eines Althandys anfallen könnten, bliebe wohl ein Pfand von "unter 20 Euro je Smartphone" wirkungslos, glaubt Wölbern.

Auch Bitkom hatte Handynutzer danach gefragt, wie hoch ein Pfand sein müsste, damit sie ein Altgerät zurückgeben. 45 Prozent nennen 25 Euro als Anreiz, 16 Prozent würden 26 bis 49 Euro für nötig halten und 18 Prozent 50 Euro oder mehr.

"Ein Pfand würde die bereits bestehenden Rücknahmesysteme beeinträchtigen und erheblichen bürokratischen Aufwand hervorrufen", warnt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. "Defekte Geräte sollten repariert, funktionierende Handys verkauft, verschenkt oder gespendet werden."

Die DBU-Umfrageergebnisse bezeichnete Bonde als "Weckruf an die Gesetzgeber". Man brauche Anreize für die Wieder- und Weiterverwendung von Rohstoffen. "Wir müssen die Menschen zum Mitmachen animieren", so der Generalsekretär.

Fakten:

  • Die Rückgabe eines alten oder defekten Handys kann über die kommunale Wertstoffentsorgung erfolgen. Auch Hersteller nehmen die Altgeräte zurück.
  • Grundsätzlich verpflichtet das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) stationäre Händler und Online-Händler mit einer Laden- beziehungsweise Lagerfläche von mehr als 400 Quadratmeter zur Rücknahme von Elektroaltgeräten. Bei der 1:1-Rücknahme nehmen sie ein Altgerät kostenlos zurück, wenn ein gleichartiges Neugerät gekauft wird. Ist die Kantenlänge des Altgeräts kleiner als 25 Zentimeter, müssen es Händler auch dann zurücknehmen, wenn Verbraucher kein neues Gerät erwerben möchten. Quelle: Bitkom

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