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Arbeiten im Herrenholz sorgen für Irritationen

Im Kompensationsflächenpool des Waldes wird das künstliche Entwässerungssystem zurückgebaut. Die Maßnahme erfordert allerdings den Einsatz von schwerem Gerät.

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Auf den ersten Blick erschreckend: Zahlreiche Bäume sind im Herrenholz entfernt worden. Diese würden aber bald ersetzt, sagt Björn Staggenborg vom Forstamt Ahlhorn.   Foto: C. Meyer

Auf den ersten Blick erschreckend: Zahlreiche Bäume sind im Herrenholz entfernt worden. Diese würden aber bald ersetzt, sagt Björn Staggenborg vom Forstamt Ahlhorn.   Foto: C. Meyer

Es wirkt schon martialisch, wenn 2 Bagger sowie 2 Schlepper mit Anhänger im Wald den Boden umwälzen, mehrere Bäume gefällt werden. Was machen die da mit der Natur? Das haben sich in den vergangenen Wochen einige Spaziergängerinnen und -gänger im Herrenholz gefragt. „Als Laie würde ich vermutlich auch kritisch darauf blicken“, gibt Björn Staggenborg von den Niedersächsischen Landesforsten zu. Allerdings werde da kein Unfug getrieben, sondern das genaue Gegenteil sei der Fall, wie er sagt.

Das Forstamt Ahlhorn hat in diesem Jahr damit begonnen, das künstliche Entwässerungssystem im Süden des Herrenholzes – der Bereich, der als Kompensationsflächenpool genutzt wird – zurückzubauen. Insgesamt 5,2 Kilometer Gräben sind in diesem Jahr gereinigt und mit örtlichem, mineralhaltigem Boden zugeschüttet worden. Damit soll der ursprüngliche Wasserhaushalt wiederhergestellt werden, erklärt Staggenborg. Dieser sei nämlich durch historische Drainagemaßnahmen gestört.

Ein breiter, matschiger Weg ist dort entstanden, wo vorher ein künstlicher Graben war.    Foto: C. MeyerEin breiter, matschiger Weg ist dort entstanden, wo vorher ein künstlicher Graben war.    Foto: C. Meyer

Waldboden soll deutlich feuchter werden

Das führte in den vergangenen Jahren zu Trockenheit im Wald. Eine gewissen Trockenheit war allerdings in der Vergangenheit durchaus gewollt, sagt der Förster. Anfang der 1970er Jahre habe es einen Sturm gegeben, der zahlreiche Bäume mitriss. Darauf seien die Gräben im Wald angelegt worden, um den Boden zu entfeuchten. Die Bäume waren zum einen gezwungen, tiefere Wurzeln zu bilden, wurden standfester. Zum anderen erleichtere ein trockener Boden die Arbeit mit schwerem Gerät. Eine forstwirtschaftliche Nutzung war so möglich.

Auf der Kompensationsfläche ist aber heute keine forstwirtschaftliche Nutzung mehr vorgesehen. Mit dem Rückbau der Gräben sollen das Wasser im Gebiet zurückgehalten und die ursprüngliche Flora und Fauna zurückgewonnen werden. Das Wasser soll nun künftig viel langsamer und gleichmäßiger zu den nahe gelegenen Bächen gelangen. Der Waldboden werde feuchter, sagt Staggenborg. Kurzum: Die Fläche wird ökologisch aufgewertet.

Zum Vergleich: Hier hat sich das Forstamt den Rückbau des Grabens gespart, da er nicht so tief ist. Für den Laien sieht das aufgrund des Bewuchses naturnäher aus.   Foto: C. MeyerZum Vergleich: Hier hat sich das Forstamt den Rückbau des Grabens gespart, da er nicht so tief ist. Für den Laien sieht das aufgrund des Bewuchses naturnäher aus.   Foto: C. Meyer

Etwa 60 Zentimeter in die Tiefe und 2 Meter in die Breite mussten die Bagger bei den künstlich angelegten Gräben vordringen, um den mineralarmen Boden zu entfernen. Aufgefüllt wurde das mit rund 4300 Kubikmeter örtlicher Erde. Lehmboden, um genau zu sein. Dort, wo der Boden entnommen worden ist, wurden Amphibienbiotope angelegt, erklärt Björn Staggenborg, ein Rückzugsort für Amphibien und Insekten.

Umwandlung von Nadel- zu Laubwald

Rund 15 Kilometer Gräben liegen noch vor dem Forstamt. Weitere Maßnahmen erfolgen in 2-Jahres-Schritten, so der Förster. Alle Maßnahmen seien mit der Unteren Wasserbehörde, der Unteren Naturschutzbehörde und dem Bauamt des Landkreises Vechta abgestimmt worden.

Nach der Reinigung ist zu erkennen, wie tief und breit so ein Graben ist. Foto: StaggenborgNach der Reinigung ist zu erkennen, wie tief und breit so ein Graben ist. Foto: Staggenborg

Neben dem Rückbau des künstlichen Entwässerungssystems, der in diesem Jahr gestartet ist, ist eine andere Maßnahme im Kompensationsflächenpool so gut wie abgeschlossen worden: der Umbau vom Nadel- in einen Laubwald. Dafür sind in den vergangenen Wochen auf einer Fläche von 2,2 Hektar etwa 500 Fichten und Douglasien geerntet worden, schildert Björn Staggenborg. Diese würden nun durch junge Eichen, Ulmen und Linden ersetzt. Gerade Eichen seien naturnäher und ökologisch wertvoller als Douglasien und Fichten, die damals für die Forstwirtschaft angepflanzt worden seien. Insgesamt sind nach Angaben des Försters in den vergangenen Jahren rund 21 Hektar so umgewandelt worden.

Naturschützer üben Kritik

Doch in diesem Jahr haben sich auffällig viele Menschen über die Arbeiten gewundert. Einige haben sich unter anderem an die IGG-Vorsitzende Christiane Lehmkuhl gewandt. Auch sie hat sich vom Forstamt die Maßnahmen erläutern lassen. Für Lehmkuhl stehe fest, dass dem Forstamt daran gelegen sei, „das Herrenholz ökologisch weiterzuentwickeln“, lässt sie wissen. Die Bevölkerung sei aber hinsichtlich des Klima- und Naturschutzes „zurecht sensibler geworden“.

Gerade in Zeiten des immer akuter werdenden Klimawandels irritiere es sehr, dass für den beschlossenen Waldumbau – „nicht die Maßnahmen zum Gräbenrückbau stehen hier in der Kritik“ – auf großer Fläche auf einen Schlag überwiegend gesunde Bäume komplett gerodet werden, so Lehmkuhl. Zwar werde im Zuge des Waldumbaus neu gepflanzt, allerdings fast ausschließlich mit kleinen Eichen. Es werde Jahrzehnte dauern, bis diese „kleinen Bäumchen“ annähernd das an ökologischer Wertigkeit und CO2-Speicherung bieten können wie die entnommenen Bäume – „wenn sie es denn angesichts der zu erwartenden ungünstigen klimatischen Entwicklungen überhaupt schaffen“.

Kritik am System der Kompensation

Lehmkuhl hätte ein behutsameres, langsameres Entnehmen und Ersetzen von Bäumen für ökologisch sinnvoller erachtet. Außerdem kritisiert sie, dass mit der Eiche wieder fast ausschließlich auf eine Baumart gesetzt werde – „wie vormals auf die Fichte“. Zudem sei mit dieser „Totalrodung“ den in Nadelwäldern lebenden Tieren, wie Waldohreule, Fichtenkreuzschnabel, Goldhähnchen oder Tannenmeise, „ohne Not Lebensraum genommen“ worden. Für die Kritikerinnen und Kritiker bleibe "die Ökobilanz dieser Rodungsmaßnahmen somit über lange Zeit erst mal negativ".

Zur Negativbilanz dieser Maßnahmen komme hinzu, dass sie „erkauft“ wurden durch Eingriffe in Natur und Landschaft andernorts im Landkreis Vechta, so Christiane Lehmkuhl, bei der Ausweisung von Bau- oder Gewerbegebieten in Vechta oder Visbek beispielsweise. Tatsächlich finanzieren sich die ökologischen Maßnahmen über die Kompensationszahlungen, bestätigt Björn Staggenborg. Diese Kompensationsrechnung nehme aber einen klaren Flächenverlust für die Natur in Kauf, findet Lehmkuhl. Dabei sei, so die IGG-Vorsitzende, ein ganz zentraler Aspekt des Naturschutzes der Flächenschutz.

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