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Antisemitismus

Kolumne: Auf ein Wort – Der evangelische Geistliche Jörg Schlüter kennt selbst Beispiele antijüdischer Einstellungen. Grund ist oft einfach Nichtwissen über das Judentum.

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Im Artikel 4 unseres Grundgesetzes heißt es: Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Schauplatz Schulhof, es könnte auch in unserem Landkreis passiert sein. Unser Zweitältester war Schulsozialpädagoge. Er berichtete: "Ein Schüler, 6. Klasse, beschimpft einen anderen: ,Du Jude!' Ich bitte den Schüler zu mir und frage ihn: ,Weißt du, was ein Jude ist?' Antwort: ,Nee, aber irgendetwas Übles.'"

Eine antijüdische Einstellung geht oft Hand in Hand mit Nichtwissen über das Judentum. Kennen Sie persönlich einen Menschen jüdischer Religionszugehörigkeit? Nicht einmal 100. 000 Menschen jüdischen Glaubens leben in unserer Republik. Sie benehmen sich nicht ungehörig, sie werden nicht laut und auffällig, sie gehen ihren Berufen nach und leben wie du und ich in ihren Familien oder allein. Statt sonntags zur Kirche, gehen sie am Sabbat (Samstag) in die Synagoge zum Gottesdienst. Die Männer sind an der Kippa (Kopfbedeckung) zu erkennen. Ihre Synagogen müssen polizeilich geschützt werden, unsere Kirchen nicht.

Der jüdische Glaube ist die älteste monotheistische Weltreligion, er existiert seit über 3.000 Jahren. Sind „Stolpersteine“ eigentlich nur da, um auf ihnen herumzutreten? Warum dieser Antisemitismus, dieser blanke Hass gegen Juden?

„Bin ich jetzt ein Judenfeind, ein Antisemit, wenn ich mich gegen diese Art israelitischer Politik ausspreche?Jörg Schlüter, evangelischer Geistlicher

Schauplatz Israel. Die israelitische Politik plant eine Zwangsräumung palästinensischer Häuser in Ost-Jerusalem. Familien, die seit Generationen dort leben, sollen ihre Wohnungen verlassen. Diese Pläne waren Mitauslöser des letzten bewaffneten Konfliktes zwischen der Hamas und Israel. Ich weiß, fast jeder Vergleich hinkt, dennoch: Stellen Sie sich vor, die zugezogenen Bürger unseres Landkreises würden erklären: Alteingesessene, sucht euch ein neues Zuhause, wir brauchen eure Wohnungen.

Bin ich jetzt ein Judenfeind, ein Antisemit, wenn ich mich gegen diese Art israelitischer Politik ausspreche? Mitnichten! Gesetzeskonforme Kritik an der Politik des Staates Israels hat nichts mit Antisemitismus zu tun! Da gilt es, fein säuberlich zu trennen. Der heutige Staat Israel und die jüdische Religion sind kein Synonym! (Bevölkerung Israels etwa: 75 Prozent Juden, 20 Prozent Muslime, fünf Prozent andere.) Die Kritik an Israels Politik aber mit Rufen wie zum Beispiel "Scheißjude" zu begleiten, ist Antisemitismus.

Aufstehen, wenn andere antijüdische Parolen auch nur flüstern!

Was sind "Semiten"? Die Bibel führt die Abstammung Abrahams auf Sem zurück, den ältesten Sohn Noahs, (1. Mose 11, 10ff). In Anlehnung daran bezeichnete man früher alle Völker Vorderasiens, die sich als Nachkommen Abrahams betrachteten, als „Söhne des Sem“ – also Semiten. Heute ist mit Antisemitismus nur noch die radikale Ablehnung alles Jüdischen gemeint.

Der Judenfeindlichkeit in unserem Land entgegentreten, nicht nur der lauten, auch der leisen! Aufstehen und nicht schweigen, wenn andere antijüdische Parolen brüllen oder nur flüstern! Rückgrat zeigen, wenn der Judenstern missbraucht wird! Bürgerpflicht! Warum? Weil für deutsche Juden der 4. Artikel unseres Grundgesetzes gilt.


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Den Autor erreichen Sie über unsere E-Mail-Adresse unter redaktion@om-medien.de.

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