Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Ansichten eines Wahlkämpfers

Kolumne: Batke dichtet – Der Sonntag ist ein wahrer Festtag, denn es darf gewählt werden. Ein Lob auf die, die kandidieren statt zu meckern.

Artikel teilen:

Ich bin im Wahlkampf. Keine Panik. Nicht dass Sie jetzt denken, dass ich mich am Sonntag auf irgendeiner Liste um ein Mandat bewerbe. Mein Kampf mit der Wahl ist der: Ich habe mich noch nicht entschieden, wo ich meine Kreuze mache. Ist ja auch verdammt schwer bei der Kommunalwahl – es wollen ja so viele Leute gewählt werden. Man kommt sich ein bisschen vor wie im Supermarkt vor dem Regal mit den Zahncremes. Unendliche Auswahl. Aber blendend sehen sie ja alle aus, unsere Kandidatinnen und Kandidaten, Photoshop sei Dank!

Wenn man dieser Tage durch die Lande rauscht, entgeht einem kaum ein Laternenmast, von dem nicht das Konterfei eines sich bewerbenden Mitbürgers prangt. Ich muss zugeben, dass es für mich als Autofahrer oft nicht ganz einfach ist, die Konzentration auf den Verkehr hochzuhalten, wenn mir gleichzeitig die Bewerberinnen und Bewerber entgegenstrahlen, mitunter auch mit ultimativen Forderungen wie „Reinigungskräfte wieder fest einstellen!“, falls ich es richtig gelesen habe. Nun gut, darüber kann man diskutieren.

Krawatten sind rar geworden

Gestatten Sie, dass ich Sie noch mit einer Beobachtung belästige, die sicherlich keinen Einfluss auf den Wahlausgang hat, aber schon ein interessantes Phänomen darstellt. Ich habe kaum einen Kandidaten auf den Plakaten entdeckt, der noch eine Krawatte trägt. Der eine im lässigen Polo, der andere im T-Shirt, der dritte mit offenem Hemdkragen – als Schlipsträger kann man offensichtlich nicht punkten. Ausnahme: Der aussichtsreichste Kandidat um den Posten des Landrats im Kreis Vechta ist auf seinem Werbefoto obenrum verknotet. Staatstragend halt. Sorgen darüber, dass er nicht gewählt wird, muss er sich wohl keine machen, er zieht mit dem Rückenwind von 89,15 Prozent aus der letzten Lohner Bürgermeisterwahl ins Kreishaus.

Beim Blick auf diese Zahl muss ich an eine andere denken, die mich an den 18. März 1990 erinnert. Ich war an diesem Tag als Reporter in Schwerin und Umgebung unterwegs und berichtete über die letzten Volkskammerwahlen der zusammenfallenden DDR. Nicht das Ergebnis war für mich interessant, sondern der Enthusiasmus, mit dem die Wählerinnen und Wähler an die Urnen strömten. Die Wahlbeteiligung von sagenhaften 93,4 Prozent führte mir seinerzeit vor Augen, welch kostbares Gut freie Wahlen an sich darstellen.

Tun Sie mir einen Gefallen

So traf ich dieser Tage einen Kumpel, der sich für die Kommunalwahl hat aufstellen lassen. „Keine Ahnung, ob ich es in den Stadtrat schaffe. Aber ich habe mich immer öfter dabei ertappt, dass ich über dies oder das rummeckerte. Also dachte ich: Versuch's doch selbst einmal.“ In diesem Geiste war auch ein anderer Bekannter unterwegs, der emsig von Haus zu Haus radelte, Flyer mit seinem „Programm“ verteilte und unaufdringlich um seine Ideen warb.

So, das soll's gewesen sein von meinem Wahlkampf. Bedenken Sie, dass ich keinen Namen und auch keine Partei genannt habe. Ich will Sie doch nicht beeinflussen! Aber tun Sie mir einen Gefallen: Gehen Sie wählen. Vielleicht werde ich am Sonntag sogar eine Krawatte umbinden. Denn ein Wahltag ist ein Festtag.


Zur Person: 

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück. 
  • Der 65-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Ansichten eines Wahlkämpfers - OM online