Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Angeklagter wollte Gerichtsverfahren verhindern

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Die Anklage selbst war eher Nebensache. Denn der 54-jährige Angeklagte redete so viel, dass weder Staatsanwalt noch Strafrichterin zu Wort kamen.

Artikel teilen:

Es gibt immer ein erstes Mal. In meiner langjährigen Erfahrung als Gerichtsreporter war es jetzt das erste Mal, eine unglaubliche Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. Ob und wie sie mal endet, das steht in den Sternen: Ein 54-jähriger Angeklagter, der von drei Justizbeamten aus der Justizvollzugsanstalt aus Lingen dem Strafgericht des Amtsgerichts Vechta vorgeführt wurde, brachte nicht nur seinen Anwalt aus dem Osnabrücker Raum mit, nein, er ließ durch einen Justizbeamten die Bücher mit der Strafprozessordnung tragen und auf den Tisch legen, woraus er dann fortwährend, ohne hineinzuschauen, zitierte.

Nach den Angaben zur Person und der Verlesung der Anklage, warum der gute Mann überhaupt da war, beantragte er, ein Verfahrenshindernis festzustellen und das auch zu protokollieren. Der Verteidiger sagte so gut wie nichts, das Wort hatte der Angeklagte.

Zunächst mal zur Anklage, die eigentlich keine Rolle spielte, außer, dass der Staatsanwalt sie vorgetragen hatte. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, am 21. November 2021 zweimal in eine Spielhalle in Steinfeld an der Lohner Straße eingebrochen zu sein. Beim ersten Mal, so der Vorwurf, habe er mit einem Kanaldeckel eine Fensterscheibe eingeschlagen und aus zwei Spielautomaten jeweils einen Scheingeldbehälter – insgesamt 11.800 Euro – entwendet zu haben. Wenig später soll der Mann bei einem weiteren Diebstahlversuch allerdings einen Alarm ausgelöst und die Spielhalle ohne weitere Beute verlassen haben.

"Fortan redete nur er, Staatsanwalt und Strafrichterin forderten mit Zwischenrufen immer wieder zu erfahren, worum es dem Mann ging." Klaus Esslinger, Gerichtsreporter

Zur Sache äußerte sich der Mann so gut wie gar nicht. Beiläufig ließ er fallen, dass er am Ort des Geschehens gewesen sei. Außerdem ließ er im Redefluss hören, dass er an einer Krankheit, an ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) leide. Fortan redete nur er, Staatsanwalt und Strafrichterin forderten mit Zwischenrufen immer wieder, zu erfahren, worum es dem Mann ging.

So nach und nach klang durch, dass er sich vor dem Landgericht in Osnabrück verantworten muss und er in dem Verfahren eine Verfassungsklage beantragt habe. Die Sache sei noch nicht zu Ende. Wenn in Vechta ein Urteil „wegen des Vorfalls“ in Steinfeld gefällt werden sollte, würden die im Bundeszentralregister aufgelisteten Vorstrafen einbezogen. Und das sei, da die nicht stimmten, ein Verfahrenshindernis. Der Angeklagte forderte keine Einstellung des Verfahrens und auch keinen Freispruch, er forderte einen Freispruch in seiner Tatgeschichte, die in Osnabrück noch nicht abgeschlossen sei und gegen die er Verfassungsbeschwerde eingelegt habe.

So habe ich es verstanden. Nach einer Pause versuchte die Strafrichterin das Verfahren auszusetzen, was der Angeklagte auch nicht wollte, aber dann einfach durch eine Beendigung stattfand.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor über: redaktion@om-medien.de.

Der neue Newsletter für Friesoythe. Immer am Donnerstag das Wichtigste aus der Eisenstadt in ihrem Postfach. So verpassen Sie nichts mehr.  Jetzt hier kostenlos anmelden

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Angeklagter wollte Gerichtsverfahren verhindern - OM online