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Als ein Krimi die Straßen leer fegte

Kolumne: Batke dichtet – Der Fernseh-Sechsteiler "Das Halstuch" sorgte in den 1960er Jahren für traumhafte Einschaltquoten. Nur einer hatte wegen des Hypes einen dicken Hals.

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Hat mächtig gepustet in der letzten Woche. "Daniel" war dafür verantwortlich – so haben sie das Sturmtief getauft. War ein ordentliches Lüftchen, zwar nicht zu vergleichen mit der garstigen "Quimburga“ aus dem Jahr 1972 oder dem fiesen "Kyrill“ aus 2007, aber durchaus ein veritabler Sturm, ein satter Durch-die-Straßen-Feger, wenn Sie dieses Wortungetüm gestatten. Womit wir schon elegant übergeleitet haben zum eigentlichen Thema dieses Aufsatzes, zum "Straßenfeger".

Nun gibt es ja nicht wenige, die angesichts der pandemischen Lage befürchten, dass das munter vor sich hin mutierende Virus auch die vorweihnachtliche und die Festtagszeit die Straßen leerfegen lässt. Ein Blick ins downgelockte Österreich liefert schon einmal Anschauungsunterricht dafür, wie es auch hierzulande in den nächsten Wochen aussehen könnte, wenn wir nicht noch ganz schnell die Kurve kriegen.

Wer ist der Halstuch-Mörder?

Als an Corona noch gar nicht zu denken war, wurde der Begriff "Straßenfeger“ von einem völlig anderen Phänomen besetzt. Er tauchte in diesem Zusammenhang exakt vor 60 Jahren auf und bezog sich auf den Fernseh-Sechsteiler "Das Halstuch“. Ausgestrahlt wurde dieser Krimi nach Vorlage des englischen Autors Francis Durbridge vom 3. bis 17. Januar 1962 in sechs 40-Minuten-"Häppchen“. Den fiktiven Handlungsort "Littleshaw“ verpflanzte man in die dörfliche Idylle rund um Remscheid, wo der smarte Inspektor Harry Yates, gespielt vom gebürtigen Essener Heinz Drache (1923 – 2002), in zäher Kleinarbeit einen Verdächtigen nach den anderen wegermittelte, sodass am Ende nur noch einer übrig blieb, der mit dem Halstuch eine junge Frau erdrosselt hatte, deren Leiche auf einem Rübenacker gefunden worden war.

Die Schar der Durbridge-Jünger stieg von Episode zu Episode und fegte förmlich die Straßen leer. Die junge Republik war auf Mörderjagd in einer Zeit, in der es gerade mal fünf Millionen TV-Geräte gab. Zur letzten Folge sollen 92 Prozent der Flimmerkisten eingeschaltet gewesen sein, als absolute Zuseherzahl wurde 20 Millionen hochgerechnet. Das "Public Viewing" fand in der Kneipe statt. Oder Freundeskreise und Nachbarschaften rotteten sich zusammen und zelebrierten die Fallanalyse als Gemeinschaftserlebnis mit feuchtfröhlicher Nachbetrachtung.

"Bild" geißelt "Vaterlandsverräter"

Einem Zeitgenossen ging die Straßenfegerei gehörig auf den Senkel. Der Kabarettist Wolfgang Neuss schaltete am Vortag der letzten Halstuch-Folge im Berliner Boulevardblatt "Der Abend“ für 787,15 D-Mark eine großformatige Anzeige, in der er nicht nur seinen Kinofilm "Genosse Münchhausen“ bewarb, sondern auch verkündete: "Der Halstuchmörder ist Dieter Borsche.“ Ein Sturm der Entrüstung fegte ob der Enthüllung durch die Straßen der Bundesrepublik, Neuss erhielt Morddrohungen, die "Bild“ geißelte ihn als "Vaterlandsverräter“ und sein Film wurde zu einem grandiosen Flop.

"Der Begriff ,Straßenfeger' ist medientechnisch durch die erwähnten Kriminalfilme besetzt"Alfons Batke

Bis 1971 hielt der Boom mit den Durbridge-Krimis an, Mehrteiler wie "Melissa“, "Tim Fraser“ oder "Das Messer“ wurden zu Highlights des jeweiligen Fernsehjahres und die ARD erreichte Quoten, von denen man heute – in einer freilich völlig veränderten TV-Landschaft – nur träumen kann.

Sie sehen also: Der Begriff "Straßenfeger“ ist medientechnisch durch die erwähnten Kriminalfilme besetzt. In der Kreisstadt Vechta kennen sie einen anderen Straßenfeger. Der hieß Martin, und ihm haben Sie im Herzen der City ein Denkmal gesetzt. Aber das ist eine andere Geschichte. Und er trägt kein Halstuch.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 65-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.

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