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Alles klar mit Speckschwarte und Andrea Doria?

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – "Wenn man von Heimat spricht, ist mit Verletzungen zu rechnen", zitiert der Kolumnist. Aber, nur eine Heimat gibt es nicht, sondern mehrere – vor allem im Kopf.

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„Wenn man von Heimat spricht, ist mit Verletzungen zu rechnen.“ Das ist die Quintessenz einer philosophischen Betrachtung des Kulturkritikers Georg Seeßlen angesichts der neuen Ausstellung „Heimaten“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Sie beginnt am 11. Juni. Man darf gespannt sein. Das Ausstellungsteam will dem „Mythos Heimat“ auf den Grund gehen und die Besucher sollen ihre eigenen „Heimaten“ mit in die Schau einbringen.

Heimat, klar, kennt man. Jeder wohnt ja irgendwo, hat – hoffentlich – liebe Menschen um sich, und mag seine Umgebung. Heimat eben, mit Höhepunkten wie Familienfesten, Tschingderassabum wie Schützenfest und Stoppelmarkt. Und hin und wieder gibt es ein wenig Ärger, weil die Blätter von Nachbars Baum im Herbst sich vor der eigenen Haustür stapeln oder der Hund von Meyers immer auf den Gehweg … – Peanuts, Schwamm drüber. Aber „Heimaten“ und „Verletzungen“?

Seeßlen nennt 3 Heimaten, die „um einen sind“. Jene, die einem durch die Kindheit zuwächst. Eine, die im Laufe des Lebens um einen herum gesponnen wird oder die man sich auch selbst er-spinnt. Und die 3. ist die Heimat, die sich ein jeder für sich ersehnt.

Heute undenkbar, aber ein nachwirkendes Ereignis

Schwierig, schwierig, aber spielen wir das mal durch. In der Kindheit, da triefte es schon mal vor Fett. Als Schüler saß ich hin und wieder am riesigen Küchentisch in der Vechtaer Schlachterei meines Großonkels. Mittagessen mit der ganzen Bagage – Familie, Gesellen, Verkäuferinnen – und überquellenden Fleischtellern mit dicken Speckschwarten. Heute undenkbar. Und damals ein bis heute nachwirkendes Erlebnis von Gemeinschaft, von heimeliger Verbundenheit. Auch wenn nebenan die Schweine quiekten, die wohl ihr nahes Ende ahnten.

Die „gesponnene“ Heimat, das sind wohl Zufälle, Zuneigungen, Zutrauen; alles, was einem im weiteren Leben so begegnet. Inklusive der Zumutungen. Niemand weiß im Voraus, was ihm blüht. Liebe, Familie, Beruf, Lebenssituation und Wohnort, nichts ist vorgestanzt. Vieles auch nicht beeinflussbar.

Und dann ist da noch der Heimatexperte Udo Lindenberg

Aber, man darf vermuten, wer in der Kindheit gut beheimatet war, kommt mit diesen Gespinsten klar. Der wird auch in diesem Leben – in dieser 2. Heimat – Beruhigendes finden. Menschen, die er mag, die hilfsbereit sind, die einem einiges zutrauen und denen man manches zumuten kann – die beste Ehefrau reckt den Daumen nach oben.

„Alles klar auf der Andrea Doria“, trällert man also mutig mit dem Neu-Fünfundsiebziger Lindenberg – und vergisst dabei die Liedzeile: „Und ich glaub', dass unser Dampfer bald untergeht.“ Heimat-Experte Udo kennt die Not der Träume und Sehnsüchte, jene dritte Heimat, die offenbar in uns allen ja mehr oder weniger intensiv vor sich hin brodelt.

Der nächste Urlaub muss doch unbedingt den vorhergehenden toppen. Nachbars Haus ist ja ganz schön, wir setzen aber noch eins drauf! Und Deutschland, ist es nicht erst dann schön, wenn keine Fremden mehr stören? Wie gesagt, es brodelt – auch jenseits aller Pandemie-Verschwörungstheorien. Nicht einfach, die ganz eigene „Andrea Doria“ sicher durch einen solchen Gefühls-Orkan zu steuern.

Am Ende braucht es Balance

Heimat, das kann zum Ort von Verletzungen werden, wie Seeßen sagt. Ja, sicher, wenn sich nicht – ganz individuell – die Balance finden lässt zwischen Vechtaer Speckschwarte und den Zumutungen der Gegenwart wie der noch ungewissen Zukunft. Heimat – oder meinetwegen auch Heimaten –, das ist von allem etwas. Nostalgie, Gemütlichkeit, Gegenwartssorgen und Zukunftshoffnungen. Ein Gefühl, das in uns ist. Das im besten Fall weder uns noch andere verletzt.


Zur Person: 

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage. Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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