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Alkoholsucht: Betroffene geben einen persönlichen Einblick

Am Samstag startet die bundesweite Aktion "Sucht- und Selbsthilfe". Passend dazu hatte die Kreuzbundgruppe in Bethen zu einem Gruppentreffen eingeladen.

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Volksdroge Alkohol: Der Weg in die Sucht ist oft nicht lang. Symbolfoto: Hermes

Volksdroge Alkohol: Der Weg in die Sucht ist oft nicht lang. Symbolfoto: Hermes

Von Samstag (14. Mai) bis zum 22. Mai (Sonntag) findet die bundesweite Aktion "Sucht- und Selbsthilfe – Wir gehen raus" der deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) statt. Die Kreuzbundgruppe in Bethen mit Gruppenleiter Axel (63) gewährte nun einen Einblick in die wöchentlichen Gruppentreffen.

Der Kreuzbund ist die katholische Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und ihre Angehörigen. Er ist ein Fachverband des Caritas-Verbandes. 1200 Selbsthilfegruppen gibt es laut Selbstauskunft bundesweit. Ein Baustein der Arbeit sind die regelmäßigen Treffen – vertraulich und kostenlos, heißt es.

Die sind sehr wichtig. Harry (49) ist seit 5 Jahren trocken. Er sagt: „Der Mittwoch ist mir heilig.“ 12 Mitglieder, sowohl Betroffene als auch Angehörige, hat seine Gruppe insgesamt. "Wir sind zu einer Familie zusammengewachsen", sagt Dagmar (68), die seit 6 Jahren keinen Tropfen mehr anrührt. Gegenseitige Unterstützung, auch außerhalb der Gruppenstunden, sei selbstverständlich. Dabei helfen die Neuen Medien.

Berthold (65) ist erst seit Kurzem dabei und spricht von einer "täglichen Bedrohung" und erzählt von der Versuchung am Maifeiertag. Rundherum hätten die Menschen gesessen und Bier getrunken, er selbst habe sich mit Kaffee "begnügen" müssen. "Da kommt einem schon der Gedanke: 'Trinkste zwei Bier und gut ist'", gibt er zu. Am Montagmorgen sei er unheimlich stolz auf sich gewesen und die Gruppenmitglieder pflichten ihm bei.

Kommen gerne zusammen: einige Mitglieder der Kreuzbundgruppe mit Gruppenleiter Axel (links). Foto: KessensKommen gerne zusammen: einige Mitglieder der Kreuzbundgruppe mit Gruppenleiter Axel (links). Foto: Kessens

Wichtig sei ein offener Umgang mit dem Alkoholproblem, sagt Axel. Dazu gehöre die Persönlichkeitsbildung, der Aufbau des Selbstbewusstseins, die Verarbeitung der Sucht und ein zufriedenes Leben. "Und ein starker Wille", ergänzt Dagmar. Alkoholsucht mache vor keiner Gesellschaftsschicht Halt, ist Axel überzeugt und fügt hinzu "Unter jedem Dach wohnt ein Ach."

Regina (45) hat schon einige Rückfälle durchgemacht. Schon früh sei sie mit dem Alkohol in Berührung gekommen. Mit 13 Jahren hatte sie ihren ersten Vollrausch. "Als Teenager sieht man nicht ein, dass man abhängig ist, da lautet die Devise 'Party, Party, Party'","erzählt sie. Die Scheidung der Eltern habe ihr schließlich sehr heftig zugesetzt. "Ich habe den Boden unter den Füßen verloren."

Es folgten Therapien. Trockene Phasen und Abstürze, die von Mal zu Mal heftiger wurden, wechselten sich ab. Deshalb sei die Gruppe so wichtig, wo man aufgefangen werde, sagt Regina. Axel ergänzt: "Der Absturz kommt nicht über die Lippen, sondern beginnt im Kopf."

Gertrud (82) ist schon seit 25 Jahren trocken

Gertrud (82) ist schon seit 25 Jahren trocken und dennoch tauchen hin und wieder Träume auf, in denen sie Alkohol trinkt. "Und das heimlich, so wie früher, und ihr könnt euch die Erleichterung beim Aufwachen vorstellen", lächelt sie.

Verena (59) ist als Angehörige in dieser Runde. Vielleicht könne sich ihr Mann noch nicht eingestehen, dass er alkoholkrank sei, mutmaßt sie. "Aber er weiß, dass ich hierhin gehe und akzeptiert es." Mit Drohungen und heimlich aufgestellten Kameras habe sie schließlich ihren Mann "überführt", der nie zugegeben habe, abhängig zu sein. Ein "kalter Entzug" folgte und seit Oktober letzten Jahres sei er trocken. "Doch die Angst bleibt", gibt sie zu.

"Wenn du nur die Flasche wegstellst und nicht an deiner Persönlichkeit arbeitest, ist der Entzug nicht von Erfolg gekrönt."Gruppenleiter Axel

Maria, Ehefrau von Axel, ist als Angehörige dabei. Viele Seminare hätte sie mitgemacht und gelernt, mit den Ängsten umzugehen. Die ganze Familie sei in Mitleidenschaft gezogen gewesen, blickt sie zurück. "Alkoholsucht ist eine Familienkrankheit", stellt sie klar. "Wenn du nur die Flasche wegstellst und nicht an deiner Persönlichkeit arbeitest, ist der Entzug nicht von Erfolg gekrönt", erklärt Axel.

Wer denkt, in dieser Gruppe ginge es immer problembeladen zu, der irrt. Viele gemeinsame Unternehmungen prägen die Gruppentreffen und fördern den Gemeinschaftssinn. "Ich wusste gar nicht, dass man das Kohlessen auch ohne Alkohol richtig gut feiern kann", schmunzelt Regina.


  • Info: Kontakt gibt es unter Telefon 04471 /933033, per Fax unter 04471/187040, per Mail an kreuzbund.bethen@gmx.de oder über die Kontaktstelle für Selbsthilfe unter Telefon 04471/185872.

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