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"Aha" statt "Hä?": Diese Frau übersetzt schwer verständliche Corona-Verordnungen in leichte Sprache

Maria Lampe-Bernholt vom Andreaswerk in Vechta macht aus komplizierten Regelwerken anschauliche Erklärstücke. Davon profitiert die gesamte Bevölkerung.

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Maria Lampe-Bernholt vom Andreaswerk in Vechta übersetzt schwierige Texte in leicht verständliche. Foto: Berg

Maria Lampe-Bernholt vom Andreaswerk in Vechta übersetzt schwierige Texte in leicht verständliche. Foto: Berg

Viele Menschen beklagen sich seit Ausbruch der Pandemie, dass die Corona-Regeln zu kompliziert und unverständlich sind. Erst vor wenigen Tagen forderte die Grüne-Landtagsfraktion von der Landesregierung mehr einfache Sprache statt Behördendeutsch. Wer genau hinschaut, erkennt jedoch: Das gibt es längst, abrufbar für jede und jeden im Internet. Mitverantwortlich für so manchen Aha-Effekt und weniger Verständnisfragen wie „Hä?“ ist Maria Lampe-Bernholt vom Andreaswerk in Vechta.

Die 60-jährige Diplom-Sozialpädagogin leitet in der Behindertenhilfe-Einrichtung das Büro für Leichte Sprache. Mit ihrer langjährigen Erfahrung ist sie Expertin für die Übersetzung schwer zugänglicher Texte. Als solche arbeitet die Cloppenburgerin auch im vierköpfigen Übersetzerteam des regionalen Teilhabeprojektes „Die Vielfalter“ mit. Dort wurde die Idee geboren, sich der komplizierten Verordnungen zum Umgang mit Covid-19 anzunehmen und sie verständlich zu machen.

In der Praxis sieht das Ausgangsmaterial so aus: „Eine Zusammenkunft von Personen ist nur mit den Personen eines Haushalts und höchstens 2 Personen eines anderen Haushalts zulässig, wobei Kinder dieser Personen bis zu einem Alter von einschließlich 14 Jahren nicht einzurechnen sind und nicht zusammenlebende Paare als ein Haushalt gelten. Begleitpersonen oder Betreuungskräfte, die erforderlich sind, um Menschen mit einer wesentlichen Behinderung oder Pflegebedürftigkeit eine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen, werden nicht eingerechnet.“ So steht es in der jüngsten Fassung der niedersächsischen Corona-Verordnung vom 24. April zum Thema Kontaktbeschränkungen und Abstandsgebote.

Bei derlei Amtsdeutsch dürfte der ein oder andere nach mindestens einem „Hä?“ die Segel gestrichen haben. Es geht aber auch anders. Maria Lampe-Bernholt und ihre Mitstreiterinnen machen aus dieser Vorlage Folgendes: „Alle Menschen aus einem Haushalt und 2 Personen aus einem anderen Haushalt dürfen sich treffen. Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre aus diesen beiden Haushalten dürfen immer dabei sein. Pflegepersonen können mitkommen.“

Grafisch wird das Ganze mit einem fetten Punkt vor jedem einzelnen Satz und einem Absatz hinter jedem Satz dargestellt. Hinzu kommen einfache Symbolbilder - etwa ein Haus mit einer Familie darin - und Zeichen wie ein „+“, die das Geschriebene optisch und auch farblich veranschaulichen (siehe auch Grafik).

„Wir sind in der Staatskanzlei mit offenen Armen empfangen worden.“Maria Lampe-Bernholt, Leiterin des Büros für Leichte Sprache beim Andreaswerk in Vechta

Die Übersetzerinnen des von der Aktion Mensch geförderten Kommunikationsprojektes arbeiten dabei in offiziellem Auftrag: „Wir sind auf das Land Niedersachsen zugegangen und haben angeboten, die Corona-Regeln in einfache Sprache zu übersetzen und damit verständlicher für alle Bürgerinnen und Bürger zu machen“, erinnert sich Lampe-Bernholt. Und wie war die Reaktion? „Wir sind in der Staatskanzlei mit offenen Armen empfangen worden.“

Mittlerweile wurden 6 umfangreiche Corona-Verordnungen des Landes übersetzt. Dabei gehen die Übersetzerinnen nach einem gewissen Muster vor. „Wir picken uns die Themen raus, die die meisten beschäftigen, verwenden einfache Wörter und eine große Schriftgröße, erklären Zusammenhänge, vermeiden Nebensätze“, sagt Lampe-Bernholt. Dabei werde eine Mischform aus leichter und einfacher Sprache verwendet. Zur Erklärung: Bei der leichten Sprache sind unvollständige Sätze wie „Schlecht“ statt „Das ist schlecht“ erlaubt. Die einfache Sprache ist komplexer und verwendet auch schwierigere Begriffe.

Auch Impf-Aufklärung des RKI übersetzt

Wie auch immer: Infolge der Vereinfachung werden aus der aktuell 40-seitigen Corona-Verordnung am Ende 10 Seiten in leichter Sprache. Bei der Umsetzung ist neben Verständlichkeit aber auch Tempo gefragt, schließlich wollen die Menschen zeitnah wissen, was sich verändert hat. Nur 2 Tage inklusive diverser Videokonferenzen und der Abnahme durch die Staatskanzlei dauert es in der Regel, bis aus dem komplizierten Regelwerk ein verständliches Erklärstück wird.

Das gilt auch für das Aufklärungs-Merkblatt zur Covid-19-Impfung des Robert-Koch-Instituts (RKI), das nach ähnlichem Muster wie die niedersächsischen Verordnungen in einfache Sprache übertragen wurde. Dort heißt es dann in nahezu entlarvender Klarheit: „Seit Anfang 2020 gibt es ein neues Corona-Virus. Es hat sich auf der ganzen Welt verbreitet. Das Corona-Virus kann die Krankheit Covid-19 auslösen … Deshalb ist es wichtig, dass sich alle vor dem Corona-Virus schützen. Das geht am besten mit einer Impfung.“

Erzieherin Kerstin Müller kümmert sich beim Andreaswerk um gelingende Kommunikation im Kindergarten- und Schulbereich, etwa mit solchen Einkaufslisten. Foto: Berg Erzieherin Kerstin Müller kümmert sich beim Andreaswerk um gelingende Kommunikation im Kindergarten- und Schulbereich, etwa mit solchen Einkaufslisten. Foto: Berg 

Die Corona-Übersetzungen sind aber nur ein Element des Vielfalter-Modellprojekts, in dessen Mittelpunkt die gelingende Kommunikation steht. Hintergrund: Menschen mit Sprach- oder Hörproblemen benötigen gezielte Unterstützung, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das funktioniert etwa über leichte Sprache.
Innerhalb des Andreaswerkes gibt es 2 Beauftragte für gelingende Kommunikation, die die zuvor erarbeiteten Standards nunmehr in die Praxis umsetzen: Maria Lampe-Bernholt und Kerstin Müller. Letztere ist als Erzieherin im heilpädagogischen Kindergarten in Steinfeld tätig.

Gerne setzt die 48-Jährige in der praktischen Arbeit Piktogramme ein, also kleine Symbolbildchen, die von der Grafikerin Annette Kitzinger kreiert wurden. Damit lassen sich etwa Einkaufslisten erstellen, mit denen anschließend gemeinsam der örtliche Bäcker angesteuert wird. Wie intensiv sich die beiden Fachkräfte mit der Materie beschäftigten, macht Müller deutlich: „Bei mir selbst ist die leichte Sprache auch im Privatleben schon in Fleisch und Blut übergegangen.“

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