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Adil Smra aus Vechta: Der Flüchtling von einst hilft den Flüchtlingen von jetzt

Der 24-Jährige musste vor dem Bürgerkrieg in Syrien fliehen, macht jetzt eine Ausbildung und unterstützt Hilfesuchende aus der Ukraine, wo er nur kann.

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Trotz oder gerade wegen vieler Schicksalsschläge sprüht Adil Smra geradezu vor Lebensfreude und Hilfsbereitschaft. Foto: Berg

Trotz oder gerade wegen vieler Schicksalsschläge sprüht Adil Smra geradezu vor Lebensfreude und Hilfsbereitschaft. Foto: Berg

Flucht und Vertreibung bestimmen über viele Jahre hinweg sowohl das junge Leben von Adil Smra als auch das seiner gesamten Familie. Der Krieg in Syrien und nun auch der Krieg in der Ukraine spielen dabei eine Hauptrolle. Unterkriegen lässt sich der 24-Jährige von all den Negativ-Erlebnissen aber nicht. Ganz im Gegenteil: In Vechta hat Smra vor sieben Jahren eine neue Heimat gefunden, baut sich derzeit eine berufliche Zukunft auf. Und nicht nur das: Der Sprachbegabte betrachtet es nunmehr als Selbstverständlichkeit, notleidende Flüchtlinge aus der Ukraine zu unterstützen. „Damals wurde mir geholfen. Jetzt bin ich da, um zu helfen“, sagt er.

Zu jenen, die Adil Smra damals geholfen haben und dies auch immer noch tun, zählt vorneweg die Vechtaer Rechtsanwältin Susanne Tölke. Vor ziemlich genau zwei Jahren tauchte der junge Syrer in ihrer Kanzlei auf. Smra war wie vor den Kopf gestoßen, hatte er doch kurz zuvor einen Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bekommen. Darin war ihm die Ausweisung in die Ukraine angedroht worden. Die Ex-Sowjetrepublik ist nicht nur das Geburtsland seiner Mutter, sondern galt seinerzeit auch noch als sicheres Drittland.

Smra, der 2012 aus Syrien geflohen war, zunächst in der Ukraine strandete und nach einer zweiten Flucht seit Ende 2014 in Deutschland weilt, wollte jedoch partout nicht dorthin zurück. Denn er hatte seine Zeit in diesem Land, die von 2012 bis 2014 reichte, als „schwer und hoffnungslos“ in Erinnerung. In Deutschland dagegen klappte die Integration gut. Smra machte zunächst an der Justus-von-Liebig-Schule in Vechta seinen Hauptschulabschluss und später an der Volkshochschule in Lohne den Realschulabschluss. Was fehlte, war ein Ausbildungsplatz. Immer wieder stand ihm dabei sein ungeklärter Aufenthaltsstatus im Weg.

Rechtsanwältin Susanne Tölke bot Adil Smra spontan einen Ausbildungsplatz an, jetzt steht er kurz vor der Abschlussprüfung. Foto: BergRechtsanwältin Susanne Tölke bot Adil Smra spontan einen Ausbildungsplatz an, jetzt steht er kurz vor der Abschlussprüfung. Foto: Berg

Das sollte sich mit dem Gang in Susanne Tölkes Kanzlei schlagartig ändern. Tölke, die das Mandat nach eigener Erinnerung zunächst gar nicht annehmen wollte, sah sich den Fall dann doch genauer an. „Da ist einer, der sich bemüht - und er soll dennoch abgeschoben werden“, war ihr Fazit. Kurzerhand griff sie daraufhin zum Telefonhörer und rief den zuständigen Sachbearbeiter beim Bamf an.

Es ergab sich folgender Dialog: Tölke fragte, was passieren müsse, damit ihr Mandant in Deutschland bleiben könne. Das sei nur möglich, wenn eine „besondere Härte“ vorliege, entgegnete die Verwaltungskraft. „Was ist eine besondere Härte?“, wollte die Anwältin wissen. Wenn er einen Ausbildungsplatz habe, kam als Antwort. „Hat er doch“, erklärte Tölke nach kurzem Nachdenken und ohne Rücksprache mit Smra. Wo das denn wohl sei, fragte der Sachbearbeiter. „Bei mir“, antwortete die heute 55-Jährige.

Rechtsanwältin bietet spontan Ausbildungsplatz an

Gesagt, getan: Adil Smra begann im Sommer 2019 eine Ausbildung zum Rechtsanwaltsfachangestellten und steht jetzt kurz vor der Abschlussprüfung. Hat Susanne Tölke diese spontane Entscheidung bislang jemals bereut? „Nein“, sagt sie aus tiefster Überzeugung. Worauf fußt diese Auffassung? Smra sei die „Verlässlichkeit in Person“, besitze „unglaubliche Flexibilität“ und ein „wahnsinniges Verantwortungsgefühl“. Kurzum: „Er hat es verdient.“

Folge: Smra wird nach der Ausbildung weiterbeschäftigt. Langfristig jedoch sehen beide seine Zukunft im Beruf des Dolmetschers. Denn: Der 24-Jährige spricht schon jetzt neben seiner Muttersprache Arabisch auch sehr gut Englisch, Russisch und Deutsch sowie gut Ukrainisch und kann sich selbst auf Polnisch und Spanisch verständigen.

"Erst wurde unser linkes Nachbarhaus getroffen, am Tag darauf das rechte. Wir haben uns daraufhin tagelang in der Mitte unseres Hauses verbarrikadiert."Adil Smra erinnert sich an die letzten Tage in Aleppo

So gut wie derzeit meinte es das Schicksal allerdings nicht immer mit Adil Smra und seiner Familie. Das Unheil begann 1986. Vater und Mutter mussten notgedrungen ihren damaligen Wohnort Iwankiw verlassen, der nur wenige Kilometer vom soeben explodierten Nuklearreaktor von Tschernobyl entfernt liegt. Das Paar zog in die Heimat des Vaters, und das war die syrische Stadt Aleppo. Dort wurden Adil Smra sowie seine Schwester und sein Bruder geboren. Die Familie war relativ gut gestellt. Dann brach der bis heute tobende Bürgerkrieg aus. Trotzdem: „Wir wollten zunächst gar nicht weg“, erinnert sich der Neu-Vechtaer.

Als jedoch die Intensität der Bombenangriffe zunahm, musste gehandelt werden. „Erst wurde unser linkes Nachbarhaus getroffen, am Tag darauf das rechte. Wir haben uns daraufhin tagelang in der Mitte unseres Hauses verbarrikadiert“, berichtet Smra. Das konnte kein Dauerzustand sein. Nachdem der erste Fluchtversuch wegen diverser Straßensperren scheiterte, schaffte es die Familie im zweiten Anlauf in eines der letzten Flugzeuge Richtung Kiew. Allerdings musste der Vater zurückgelassen werden, weil er keine ukrainische Staatsbürgerschaft besitzt und deshalb nicht einreisen durfte.

Hinzu kam: Der neue Zufluchtsort entpuppte sich für Adil Smra schnell zu einem Platz der Hoffnungslosigkeit. „Hier wurde niemandem geholfen“, blickt er zurück. „Die Tante, bei der wir lebten, war arm, Mutter musste betteln. Dort habe ich keine Zukunft gesehen.“ Letzter Ausweg war die erneute Flucht, diesmal nach Deutschland. Über Aufnahmelager in Dortmund und Bramsche landete die Familie letztlich in Vechta. Während der 24-Jährige hier sesshaft geworden ist, zogen Mutter und jüngerer Bruder weiter nach Leipzig, die ältere Schwester gründete eine eigene Familie.

Irgendwann will er seine alte Heimat wieder aufbauen

Derweil sprüht Adil Smra, der mittlerweile den Status eines anerkannten Flüchtlings hat, in seiner neuen Heimat geradezu vor Energie. Parallel zur Ausbildung hat er sich bei mehreren Behörden als ehrenamtlicher Dolmetscher angeboten und bereits einige Aufträge bekommen. Der letzte ist nur wenige Tage alt: Die Kreisverwaltung Vechta meldete sich und bat um Mithilfe, weil tags darauf zahlreiche Flüchtlinge aus der Ukraine im Kreisgebiet eintreffen sollten. Der Ex-Flüchtling zögerte keine Sekunde, dolmetschte bereitwillig und gab den Flüchtlingen sogar seine private Handynummer, falls weitere Hilfe notwendig sei.

„So schließt sich ein Kreis“, sagt Adil Smra etwas philosophisch. Um im gleichen Atemzug nach seinem Vater zu schauen, der es zwischenzeitlich zwar aus Syrien herausgeschafft hatte, dann aber ebenfalls in der Ukraine gestrandet war und erst in dieser Woche nach vielen Wirrungen von seinem Sohn in Vechta in Empfang genommen werden konnte. Jetzt wird für ihn eine Wohnung gesucht.

Ist denn vor diesem Hintergrund, der eigentlich für mehrere Leben reicht, die Odyssee des Adil Smra beendet? Vorerst schon. Nach der Ausbildung zum Rechtsanwaltsfachangestellten wolle er vereidigter Dolmetscher werden, sich später selbstständig machen. Langfristiges Ziel sei es aber, nach Aleppo zurückzukehren „und meine Heimat wieder aufzubauen“.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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