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2 Frauen machen Sternenkinder unvergessen

Die Holdorferin Edeltraud Becker und die Neuenkirchenerin Susanne Lahrmann unterstützen als Trauerbegleiterinnen die Hinterbliebenen. Noch immer gibt es bei dem Thema aber Nachholbedarf.

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Stabwechsel bei der Leitung des Gesprächskreis "Sternkind-Eltern": Edeltraud Becker (links) übergibt die Leitung an Susanne Lahrmann. Foto: Scholz

Stabwechsel bei der Leitung des Gesprächskreis "Sternkind-Eltern": Edeltraud Becker (links) übergibt die Leitung an Susanne Lahrmann. Foto: Scholz

Sie weinen mit. Sie lachen mit. Sie sind für die Betroffenen da. Edeltraud Becker und Susanne Lahrmann helfen ehrenamtlich da, wo lange Zeit niemand hilfreich sein wollte. Sie unterstützen Eltern von "Sternenkindern".

Sternenkinder? Sternenkinder sind Kinder, die noch während der Schwangerschaft im Bauch der Mutter, bei oder kurz nach der Geburt sterben. Die Aufgaben der beiden Trauerbegleiterinnen: Zuhören, trösten aber auch den Kontakt zu anderen Betroffenen herstellen. Nach gut 14 Jahren übergibt die Holdorferin Edeltraud Becker (69) nun das Zepter an ihre Kollegin Susanne Lahrmann (50) aus Neuenkirchen.

Das Thema, mit dem die beiden Damen sich ehrenamtlich beschäftigen, ist kein einfaches. Hoch emotional sogar, bestätigen die beiden Trauerbegleiterinnen. Das eigene Kind zu verlieren, das ist ein großer Schmerz für die Eltern. Da sei es fast nebensächlich, ob das Kind das Licht der Welt erblickt habe oder schon im Mutterleib verstorben sei.

Die Idee, den Familien der Sternenkinder zu helfen, ist noch gar nicht so alt. "Im Vechtaer Krankenhaus ist das Ganze entstanden. Eltern fühlten sich nach der 'stillen Geburt' alleine gelassen und gründeten  eine Initiative, um sich gegenseitig zu helfen", berichtet Becker. Der Landkreis Vechta ist hier landesweit ein Vorreiter gewesen. 

Die Trauerbegleiterinnen halten den Begriff "Fehlgeburt" für unpassend

Das Wort "Fehlgeburt" nutzen Edeltraud Becker und Susanne Lahrmann nie. Der Begriff sei einfach falsch. "Das Kind war kein Fehler", sagt Becker. In den meisten Fällen war es ein Wunschkind. Auch von einem "verlorenen" Kind sprechen die Trauerbegleiterinnen nicht. Für die Eltern sei das Kind keineswegs verloren, sondern bleibe im Herzen. Passender sei, von einer "stillen Geburt" oder auch "kleinen Geburt" zu sprechen. Aber allein dass es mittlerweile eine Sensibilisierung für diese Begriffe gebe, sei ein großer Fortschritt. 

Über die Jahre ist ein Gesprächskreis entstanden. Dort treffen sich an jedem ersten Montag im Monat meist die Mütter der Kinder. Es gehe hier um "ihre" Sternenkinder, erzählen die Ehrenamtlichen. Es gehe darum, mit der Trauer umzugehen. Und: Es gehe darum, die Kinder nicht zu vergessen. "Wir bieten den Eltern einen geschützten Raum, wo sie in vielen Fällen Antworten auf ihre Fragen finden können", erklärt die Holdorferin. Sie und Lahrmann würden die Eltern dann bei ihrem persönlichen Trauerweg unterstützen.

Becker und Lahrmann sind ausgebildete Trauerbegleiterinnen. Der Weg von beiden in dieses Ehrenamt ist ganz unterschiedlich geprägt. Eines haben sie aber gemeinsam: Sie selber sind keine Betroffenen.

Edeltraud Becker prägte ein schwerer Autounfall in jungen Jahren. Ihr Leben habe sich von dem Moment an komplett verändert. "Ich habe zwar eine andere Trauer erlebt, aber auch ich musste mir eine neue Zukunft aufbauen und kann darum ganz gut mitfühlen", erzählt sie. Über mehrere Umwege sei sie dann zu der Sternenkind-Eltern-Gruppe gekommen. 

"Ich habe aber schnell gemerkt, dass die Hilfe für mich eine Herzensangelegenheit ist."Susanne Lahrmann

Der Weg ins Ehrenamt, wie ihn Susanne Lahrmann (50) ging, war von Zufällen geprägt. Sie habe sich für die Hospizarbeit interessiert. Über Edeltraud Becker sei sie dann mit in die Gruppe gekommen. "Ich habe schnell gemerkt, dass die Hilfe für mich eine Herzensangelegenheit ist", sagt die Neuenkirchenerin. Seit 2017 ist sie mit im Team.

Die Frauen unterstützen die Familien von Anfang an

Zu den monatlichen Treffen kommen im Schnitt 10 Personen. Mittlerweile sind auch Väter dabei. Viele seien gerade "frisch" betroffen, andere haben ihre Erfahrung schon vor einigen Jahren machen müssen. Die Familien tauschen sich aus, helfen sich auch gegenseitig. Alles in allem sei die Gruppe offen. Heißt: Jeder darf so lange kommen, wie er mag. Daneben organisiert die Gruppe immer wieder auch Aktionen für die Geschwisterkinder.

Becker betreut neben der Gruppe schon lange Zeit Familien in Einzelberatungen. Sie holt das Sternenkind aus dem Krankenhaus ab; hilft bei der Vorbereitung der Beerdigung. Die Holdorferin unterstützt zudem bei der Trauerbewältigung. "Jeder geht seinen eigenen Weg und wir sind die Stütze", sagt Becker.

Dass das, was die beiden machen, überhaupt möglich ist, ist keineswegs selbstverständlich. Lange Zeit sei das Thema ignoriert worden. Mittlerweile gebe es Fortschritte. Dazu zählt auch, dass die Sternenkinder in den christlichen Krankenhäusern, aber auch in einigen anderen Hospitälern mittlerweile bestattet und nicht nur als "Hausmüll" entsorgt werden. Daneben können Sternenkinder seit einigen Jahren auch als "Person" eingetragen werden, also unvergessen auf dem Papier gemacht werden.

Corona-Pandemie hat die Arbeit sehr eingeschränkt

Auch der Umgang mit der Trauer habe sich gewandelt. "Die Sternenkinder sind für die Gesellschaft mittlerweile sichtbar geworden", sagt Lahrmann. Das Sternenkind gehöre zur Familie dazu. Becker beobachtet zudem, dass auch Väter öffentlich trauern. Das sei lange Zeit nicht so gewesen. Ihre Tränen seien als albern und unmännlich abgetan worden, kurz: gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Dennoch könne sich so einiges verbessern. Genauso wie Eltern, die ein lebendes Kind zur Welt bringen konnten, haben Stenenkind-Eltern einen Anspruch auf eine Nachbetreuung durch eine Hebamme. Doch das sei oft nicht die Realität. Hier möchte Lahrmann in den nächsten Jahren Netzwerke im Kreis Vechta aufbauen, um diese Möglichkeit zu schaffen. Auch die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern könne ausgebaut werden, finden die Trauerbegleiterinnen.

Deutlich beeinträchtigt hat die Gruppe die Corona-Pandemie. Die üblichen Treffen sind nicht möglich. "Wir sehen uns im Chat, also das Angebot ist weiter da, aber die Gemeinschaft fehlt", erzählt die Neunenkirchenerin. Becker ergänzt: "Wir sind aktuell nur eine Krücke." Die Hoffnung, sich bald wieder real treffen zu dürfen, sei groß. 

Die Gruppe wird durch Spendenmittel finanziert

Für Becker bedeutet das Kürzertreten aber nicht, dass sie mit ihren 69 Jahren ganz aufhören würde. "Ich trete lediglich in die zweite Reihe", sagt sie. Trotz der täglichen Konfrontation mit der Trauer mache ihr die Arbeit viel Freude. Die positive Entwicklung gebe ihr Kraft. Alle Sternenkinder seien auch ihre Kinder. Aber: Schlaflose Nächte habe sie nicht, versichert Becker. Ohne Selbstschutz kommt kein Trauerbegleiter aus. 

Die Sternenkindgruppe ist bei den Maltesern seit einigen Jahren angesiedelt. Wichtig sind Spenden, um etwa Beerdigungen finanzieren zu können. Über diese würden die Trauerbegleiterinnen sich auch weiter freuen. Neben dem Gesprächskreis gibt es seit einiger Zeit auch die Aktion, dass Fotografen ehrenamtlich die Sternenkinder fotografieren und sie so in Erinnerung zu halten. Vergessen ist keines von ihnen. 

  • Info: Die Trauerbegleiterinnen und die Sternkind-Gesprächskreis-Gruppe sind telefonisch unter 04441/92500 zu erreichen. Zudem kann der Kontakt auch per Mail über die Internetseite der Malteser hergestellt werden. 

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