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10.000 Euro am Tatort einfach übersehen

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Ein Hamburger, der seit ein paar Jahren in Dammer Obdachlosen-Unterkünften lebt,  hat einiges auf dem Kerbholz. Mehrere Einbrüche stehen in seiner Strafakte.

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Kurz vor Jahresende noch eine unterhaltsame Schöffengerichtsverhandlung mit einem voll geständigen Angeklagten und einem zum um 8.30 Uhr beginnenden Termin aus Hamburg angereisten Verteidiger. Eine Geschichte, die im Dezember 2020 in Damme begann, bis Juni 2021 andauerte und insgesamt für reichlich Gesprächsstoff sorgte.

Angeklagt war ein 46-jähriger aus Hamburg, der aber seit ein paar Jahren in Damme (Bexadde) in Obdachlosen-Unterkünften zu Hause ist und mit anderen Bewohnern Straftaten beging. Der Angeklagte machte deutlich, dass er eigentlich nichts mehr zu verlieren habe. Er räumte alles ein und erklärte, dass er seit vielen Jahren reichlich Alkohol trinke und dazu Drogenpillen nehme. Dabei sei er eigentlich von Hamburg aus mit seiner Freundin nach Damme gekommen, um eine Entgiftung und dann eine Therapie in Neuenkirchen-Vörden zu absolvieren. Daraus sei nichts geworden, auch wohl wegen Corona.

"Immer und überall kam man in das Gebäude, indem man mit einem Stein oder einem Gullydeckel die Eingangstür 'öffnete'"Klaus Esslinger

Vorgeworfen wurden ihm von der Staatsanwaltschaft vier Straftaten. An zweien war ein Mittäter aus Damme beteiligt, der erschien aber erst gar nicht. Gegen ihn erging ein Strafbefehl über eine Freiheitsstrafe von vier Monaten auf Bewährung und die Ableistung von 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Eingebrochen wurde in einen Kraftfahrzeugbetrieb an der Mühlenstraße, in einen Schmuckladen, bei Famila und in einen Getränkemarkt. Immer und überall kam man in das Gebäude, indem man mit einem Stein oder einem Gullydeckel die Eingangstür "öffnete".

In dem Reifengeschäft fand man 8000 Euro Bargeld in einem Briefumschlag, die daneben liegenden 10.000 Euro, auch in einem Umschlag, übersah man. In den anderen Läden ging es um Tabak und Alkoholika. Beim Einbruch in den Getränkemarkt war die Inhaberin schon per Alarm informiert, kam mit dem Auto und der Angeklagte winkte ihr zu.

Richter verliest nur die "wichtigen" der 23 Vorstrafen

Die gestohlenen Sachen wurden weitgehend von der Polizei gefunden und zurückgegeben, die 8000 Euro allerdings nicht, die waren schon aufgeteilt. An allen Einbruchstellen gab es Videoaufnahmen und zu den im Gerichtssaal gezeigten Fotos meinte der Angeklagte: "Ja, ich erkenne mich." Bei der Feststellung der 23 Vorstrafen des Angeklagten im Bundeszentralregister verlas der Vorsitzende Richter nur die "wichtigen“. Jede Menge Haftstrafen waren dabei. Vorgeführt wurde er natürlich auch aus der Haft und beschönigte nichts.

Die Staatsanwältin war überrascht über die Rückfallgeschwindigkeiten des Angeklagten und beantragte für die Dammer Einbrüche eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Über eine Bewährung brauche man ja nicht reden. Etwas milder gehe es auch, meinte der Verteidiger. Durch den Alkohol und die Drogen sei sein Mandant nur "minder schuldfähig“. Er habe vieles nicht richtig mitbekommen. Das Gericht verurteilte den Einbrecher zu der von der Staatsanwaltschaft geforderten Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten und beschloss, die Einziehung der erbeuteten 8000 Euro, wozu es sicher nicht so schnell kommen wird.


Zur Person

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor über: redaktion@om-medien.de.

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