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100 Kilometer – Der längste Sonntagsspaziergang meines Lebens

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Von einer Allergie gegen das Wandern bis hin zu Deutschlands schwerstem Megamarsch: Nach 100 Kilometern hatte ich die Insel Sylt umrundet.

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Jeden Sonntagnachmittag war es früher soweit, Sönndagstüg an und ab zum Familienspaziergang statt auf den Fußballplatz. Das erfreute nicht immer unser Kinderherz und es entwickelte sich bei mir eine merkwürdige Allergie gegen das Umherschlendern oder Wandern. Laufschuhe gerne, aber Wanderstiefel? Ob es nun Übermut, Leichtsinn oder einfach nur der Einfluss liebster Menschen war, am vergangenen Samstag, Punkt 12 Uhr, stand ich an der Startlinie zu Deutschlands schwerstem Megamarsch, der kompletten Umrundung der stürmischen Insel Sylt. 100 Kilometer in maximal 24 Stunden, durch Tag und Nacht. 555 Wanderer neben mir, ziemlich kompetent ausgestattet und mit erkennbarer Ehrfurcht vor der Aufgabe. Ich aber hatte zum ersten Mal in meinem Leben einen Rucksack auf den Schultern und war durch viel Glück ins erlesene Teilnehmerfeld gerutscht.

Die ersten 20 Kilometer liefen recht zügig, auch wenn wir uns mindestens 6 Kilometer lang durch den Sandstrand wühlten. Neben mir stapfte ein eifrig fragender und fotografierender Wandersmann und nach ein paar Minuten hatten wir ihn enttarnt – Matthias ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts und recherchierte in der Welt der 100-Kilometer-Verrückten. An der ersten von fünf Verpflegungsstationen bei KM 20 stieg der Reporter aus, musste vom Hotelzimmer aus weiter recherchieren für seine Story, die am Montag im Hamburger Blatt mit dem Satz endete „Die Insel ist einfach der perfekte Platz für bescheuerte Ideen“.

"Hauptsache das Meer immer links, hatte ich noch im Ohr, rutschte den halben Deich herunter und besudelte mich von oben bis unten mit Schlick."Antonius Schröer

Ich hatte bei KM 20 noch keinen blassen Schimmer, was mich in den nächsten Stunden erwartete. Bis zur einladenden Verpflegungsstation im evangelischen Pastorat in Keitum bei KM 40 klebte meine neue Wanderhose zwar im strömenden Regen an meinen Beinen, aber unterhaltsame Gespräche mit einer Richterin ließen mich vergessen, dass ich die Thülsfelder Talsperre mittlerweile viermal umrundet hatte. Danach begann die Zeit des Leidens auf einem matschigen Pfad irgendwo im Niemandsland im Osten der Insel. Hauptsache das Meer immer links, hatte ich noch im Ohr, rutschte den halben Deich herunter und besudelte mich von oben bis unten mit Schlick. Meine Nachtlampe erwies sich als Minifunzel und es lagen noch 55 Kilometer vor mir. Nur Unmengen an Cola, heißer Brühe und eine wirklich nette Gruppe motivierten mich, die 2. Hälfte in Angriff zu nehmen.

Die Physiotherapeutin, der Schreiner, der Flughafenmanager und der Polizist einer Spezialeinheit nahmen mich unter ihre Fittiche. Wir redeten, wir schwiegen, wir wanderten über den langen Deich in Rantum und wussten manchmal nicht, ob uns Wanderlichter oder Schafsaugen entgegenleuchteten. Längst hatte ich aufgegeben, der Schafschiete auszuweichen, bis ein anderer Wanderer auf einem Haufen der Zotteltiere böse ausglitt und wir ihn nur mit Mühe zum nächsten Rettungswagen begleiten konnten.

388 von 555 Personen haben es geschafft

Irgendwie musste ich bis nach Hörnum bei KM 82 kommen, um etwas zu schlafen und vielleicht irgendwann weiterzulaufen. Dann saß ich wirklich in der letzten Verpflegungsstation, im Sitzungssaal der Kommunalpolitiker in Hörnum. Um mich herum nur stille Menschen, die teilweise ins Leere starrten – noch 18 Kilometer. Meine Gruppe ließ nicht locker – noch drei Schluck heiße Brühe und wieder ab in die Dunkelheit auf die letzte Etappe. Vechtas Landrat Tobias Gerdesmeyer wuppte die 18 Kilometer noch vor einigen Wochen um den Dümmer doch auch mit Leichtigkeit. Vorbei an der verwaisten Sansibar trottete ich um 5 Uhr nur noch in Trance – es tat alles unendlich weh.

Nach über 12 Stunden tiefster Dunkelheit wurde es wie von Geisterhand hell – jetzt war Aufgeben keine Option mehr. Nach 20 Stunden und 15 Minuten durchquerte ich als einer von 388 Überglücklichen die Ziellinie – 167 hatten irgendwann aufgeben müssen. Vollgeklebt mit Wärme- und Blasenpflaster lag ich später auf meinem Hotelzimmer. Zehnmal um die Thülsfelder Talsperre war ich gelaufen. Allerdings in Wanderbüxen und nicht in Sönndagstüg.


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser.
  • Der 61-Jährige verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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