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Zeitsprünge 1933: "Nur eine Wassersuppe für Klara F. aus Visbek"

Die 23-Jährige verhungerte 1936 in Wehnen, wo von 1933 an immer mehr "Geisteskranke" zusammengeführt worden waren. Historiker Ingo Hans beschreibt das Krankenmordsystem des Landesfürsorgeverbandes.

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„Verbilligung der Kosten“: 1933 wurden immer mehr „Geisteskranke“ in Wehnen zusammengeführt. Schon damals war das Ziel, möglichst viel Geld einzusparen. Dieser Zeitungsausschnitt stammt aus der OV vom 31. August 1933.

„Verbilligung der Kosten“: 1933 wurden immer mehr „Geisteskranke“ in Wehnen zusammengeführt. Schon damals war das Ziel, möglichst viel Geld einzusparen. Dieser Zeitungsausschnitt stammt aus der OV vom 31. August 1933.

Täglich eine dünne Wassersuppe und eine halbe Schnitte Schwarzbrot. Das war die Ration für die 23-jährige Klara F. aus Visbek, bevor sie am 6. Juni 1936 in der oldenburgischen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg starb. Im August 2012 hat Bernhard Muhle in den Heimatblättern der OV ihre Geschichte ausführlich dargestellt. Die durch einen Unfall im Kindesalter geistig behinderte Frau starb durch bewusste Vernachlässigung und Unterernährung. Es war behördlich gesteuerter Mord.

Ähnlich erging es den Angehörigen der Familien K. und W. aus Dinklage. Als sie ihren Sohn beziehungsweise ihre Schwester im Juni 1935 besuchten, „befanden sie sich in einem schlechten Gesundheitszustand und beide waren sehr abgemagert“. Das schreibt der Vechtaer Regierungsinspektor Meyer, als er im Auftrag der Familien eine Beschwerde nach Oldenburg sandte. Ob es eine Antwort darauf gab, ist nicht überliefert.

Historiker Ingo Harms arbeitet die Fälle in seinem neuen Buch auf

Bekannt ist, dass Hermann K. 1935 zwangssterilisiert wurde und 1936 im Alter von 20 Jahren starb. Nach 7 Jahren in Wehnen starb im Jahr 1941 auch die 47-jährige Maria W. Beide Fälle sind im neuen Buch des Historikers Ingo Harms Beispiele dafür, welche Ausmaße das System der Krankenmorde in Wehnen – und nicht nur dort – angenommen hatte.

„Der Verband – Anstaltsfürsorge zwischen Rassenhygiene, Bereicherung und Kommunalpolitik (Oldenburg 1924-1960)“, so heißt das Buch, das im Verlag Beltz erschienen ist (497 Seiten, 58 Euro). Es ist eine bedeutsame Zusammenschau und Erweiterung der bisherigen Forschungsergebnisse des Oldenburger Wissenschaftlers, der bereits eine ganze Reihe von Veröffentlichungen zu den Krankenmorden während der NS-Zeit in Pflegeanstalten und Heimen vorgelegt hat. Erst kürzlich wurde er dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Rassenhygiene gepaart mit dem Vorsatz, Geld sparen zu wollen

Harms sieht hier eindeutig ein Zusammenspiel zwischen den Euthanasiegedanken der Nationalsozialisten, die „minderwertiges Leben“ ausmerzen wollen, und den rigiden Kosteneinsparungsvorstellungen seitens der Ministerialbürokratie in Oldenburg. Ja, er urteilt letztlich sogar, dass die finanziellen Ziele die stärkeren Antriebskräfte darstellten. Maßgeblich waren dabei führende Persönlichkeiten des Oldenburgischen Landesfürsorgeverbandes, an ihrer Spitze der Vorstandsvorsitzende Werner Ross.

Im Zusammenspiel mit den Nationalsozialisten, die bereits 1932 in Oldenburg an die Macht gelangt waren, gelang ab 1933 über die Kommunal- und Verwaltungsreform die Übernahme verschiedener Fürsorgeeinrichtungen durch den Fürsorgeverband. Dazu zählten unter anderem die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen und die ebenfalls als Heime geführten Einrichtungen Kloster Blankenburg und Getrudenheim.

In drei Einrichtungen wurden die geistig Behinderten untergebracht

Von Beginn an wurden hier alle geistig behinderten Personen aus dem Land Oldenburg zusammengeführt und die jeweiligen Pflegesätze massiv abgesenkt. Daneben wurde die Arbeitskraft der Bewohner der Pflegeheime soweit wie möglich für den Betrieb der zu den Heimen jeweils gehörenden Landwirtschaft ausgenutzt.

Das ersparte dem Oldenburgischen Staat und den Kommunen Ausgaben für die Behinderten und sorgte zugleich dafür, dass der Landesfürsorgeverband über erhebliche Einnahmen verfügte, die sich im Zusammenspiel mit dem NS-Regime für weitere Zwecke ausnutzen ließen. Hier hat Harms auch schon in früheren Veröffentlichungen nachgewiesen, dass das damals gegründete Museumsdorf in Cloppenburg von den Kulturzuschüssen aus den Verbandsmitteln profitierte.

Der Landesfürsorgeverband unter Ross übernahm zudem weitere zentrale Aufgaben, zu denen auch der Aufbau einer einheitlichen Energieversorgung im Oldenburger Land gehörte. Er zählte somit zu den Geburtshelfern der heutigen EWE, die als Landeselektrizitätsverband im Mai 1933 gegründet wurde. Er sollte die bislang eigenständigen Energienetze zwischen den Landkreisen Vechta und Cloppenburg und der Nordseeküste zusammenführen.

Mehr als 1500 Menschen sind in den Anstalten gestorben

Ingo Harms lenkt den Blick darauf, dass der Landesfürsorgeverband sich einen erheblichen Teil der Gelder, die er investieren konnte, durch die Krankenmorde in den von ihm betriebenen Anstalten erwirtschaftete. Über 1500 Behinderte sind im Verlauf der NS-Zeit und – so Harms – zum Teil auch noch nach 1945 in den Anstalten durch Unterernährung und Vernachlässigung gestorben.

Das Buch „Der Verband“ wird so auch zu einer Anklage nicht nur gegen die unmittelbar beteiligten Bürokraten, gegen Ärzte und Anstaltspersonal, sondern auch gegen die (Kommunal-)Politiker und weitere Profiteure, die ihre Aufsichtspflichten nicht wahrnahmen oder schlicht nicht wissen wollten, welche Dramen sich hinter den Anstaltsmauern abspielten.

Harms warnt vor einer Profitorientierung im Gesundheitswesen

Es wird zudem noch einmal deutlich, dass der rassistisch motivierte Massenmord während der NS-Zeit sich nicht nur in Konzentrationslagern oder in ebenso hermetisch abgeschlossenen Vernichtungseinrichtungen (T4-Euthanasie-Aktion) abspielte, sondern zugleich fast öffentlich in den Behinderteneinrichtungen, die doch eigentlich den betroffenen Menschen eine Zuflucht bieten sollten.

Es waren mehr Personen involviert, als wir heute denken. Viele von ihnen – auch Werner Ross – konnten nach 1945 mehr oder weniger unbehelligt weiterarbeiten. Eine der Folgen: Die schlechte Ernährungslage in den Anstalten dauerte zum Teil noch bis 1948 an und änderte sich erst durch das Eingreifen der britischen Besatzungsmacht.

Harms führt in seinem Buch die Gedankengänge weiter bis in die Gegenwart. Er warnt vor einer ausschließlichen Profitorientierung des Gesundheits- und Pflegewesens. Sie führe, wie im Fall des Landesfürsorgeverbandes Oldenburg, letztlich dazu, dass sich das gesamte Gesundheitssystem dem Gewinnstreben Einzelner oder bestimmter regionaler Betriebe und Einrichtungen unterordnen müsse. Und das zulasten aller Schwachen und Kranken.

  • Info: Ingo Harms: „Der Verband – Anstaltsfürsorge zwischen Rassenhygiene, Bereicherung und Kommunalpolitik (Oldenburg 1924-1960)“, Beltz Verlag, 58 Euro.

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