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Wenn Proben fehlen, zwickt Musiker der Muskelkater

Ohne echte Übung lassen Spielfreude und Muskelspannung schnell nach. In der Kreismusikschule sind die Anmeldung eingebrochen. Rund 60 Lehrkräfte versuchen gegenzusteuern.

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Ausgeblasen: Ensembles dürfen zurzeit gar nicht proben. Es bleibt nur der Online-Einzelunterricht. Foto: Thomas Vorwerk

Ausgeblasen: Ensembles dürfen zurzeit gar nicht proben. Es bleibt nur der Online-Einzelunterricht. Foto: Thomas Vorwerk

Dass Musik auch ein „Ausdauersport“ ist, hat der Chef am eigenen Leib erfahren. Monatelang pausierte Ulrich Schmidt im ersten Lockdown mit seiner Trompete. Als der Direktor der Kreismusikschule endlich wieder ein Wochenende lang mit Kollegen proben durfte, zog es danach im ganzen Oberkörper und im Gesicht: Ein handfester Musiker-Muskelkater plagte den überraschten Profi.

„Wenn man ein Instrument spielt, ist das wie Fahrradfahren“, sagt der studierte Bläser und Orchestermusiker: „Das kann jeder lernen. Aber wenn ich ein Rennen fahren will, muss ich richtig trainieren.“ Selbst erfahrene Geiger schmerzt die „Klemmhaltung“ in der Schulter, wenn sie länger pausieren – so wie jetzt im zweiten Lockdown. Der Direktunterricht ist komplett gestrichen, alle Ensembles stecken in der Zwangspause.

"Online-Unterricht ist ermüdender als im ersten Lockdown"

Die rund 60 Lehrkräfte geben sich alle Mühe, per Online-Stunden ihre Schüler weiterzubilden, aber Schmidt räumt ein: „Das ist ermüdender als im ersten Lockdown.“ Denn der Aufwand in der Vor- und Nachbereitung des Video-Unterrichts ist deutlich höher als „live“ im Probenraum, die Nähe und der direkte Kontakt fehlen. Nach vier bis sechs Stunden vor dem Rechner sind die Lehrer erschöpft wie nach einem vollen Arbeitstag. Hinzu kommt der Nachwuchsschwund.

Die sonst im Januar gesammelten Anmeldungen zu den Kursen für Kinder ab drei Jahren bis ins Grundschulalter sind eingebrochen, weil niemand weiß, wann der Präsenzunterricht wirklich wieder losgeht. „Das macht uns schon Sorgen“, sagt Schmidt, „aber den Musikvereinen natürlich auch.“ Trotzdem hält die Kreismusikschule mit Unterstützung des Landkreises das gesamte Personal – ohne Kurzarbeiterregelung.

„Sobald es erste Lockerungen gibt, wollen wir das volle Programm anbieten, was möglich ist, und den Schwund wieder ausgleichen“, erklärt Schmidt. Auch Anfänger können dann außer der Terminreihe sofort einsteigen. Mit den politischen Führungskräften ist sich der Direktor einig: Die Musikszene im Kreisgebiet, vor allem in den Orchestern und Vereinen, braucht volle Ausbildungskraft, weil sonst ein großes Stück Bildung verlorengeht.

„Hier werden nicht nur Sonntagsreden gehalten, hier wird auch so gehandelt“,Ulrich Schmidt, Musikschuldirektor

Denn Musik fördert nicht nur das Spiel mit einem Instrument, sondern die kombinatorischen Fähigkeiten von Kindern, ihre Konzentration und zugleich ihre soziale Verankerung. Schmidt, der in Hannover, Bremen und Maastricht studiert hat, ist den Politikern im Kreis für diesen Konsens dankbar. „Hier werden nicht nur Sonntagsreden gehalten, hier wird auch so gehandelt“, sagt er.

Den Eltern ist die Musikschule mit Zustimmung des Kreises finanziell entgegengekommen: Für Online-Unterricht wird nur 60 Prozent der üblichen Gebühr verlangt. „Tonhöhe und Rhythmus kann man online ganz gut einschätzen“, erklärt Schmidt. Ob das geforderte Stück richtig gespielt werde, lasse sich schon erkennen. Schwieriger sei es jedoch, bei den Fortgeschrittenen die Differenzierung der Lautstärke und des Ausdrucks per Datenleitung zu beurteilen. Der Grund: Die simplen Serie-Mikrophone der Rechner ebnen Lautstärkeunterschiede ein und reduzieren den Frequenzumfang, um bei der Datenübertragung Volumen einzusparen.

Notfalls senden Schüler Tonaufzeichnung zu

Wo‘s kniffelig wird, behelfen sich Lehrer und Schüler deshalb mit kleinen Tonaufzeichnungen, die per Mail verschickt und dann begutachtet werden. „Das klappt sogar mit einem Smartphone ganz passabel“, sagt der Direktor: „Der Ton erreicht zwar nicht CD-Qualität, ist aber allemal besser als die Hardware vom Rechner.“ Der Nachteil: Das Hin und Her ist umständlich, kostet Zeit und Geduld. Trotz der Sorge, dass Jugendliche im Lockdown die Lust am Proben verlieren könnten, sieht der Musikpädagoge ermutigende Gegenbeispiele: „Andere merken jetzt erst, wie sehr ihnen die Musik fehlt.“ In der Zeit der erzwungenen Tatenlosigkeit biete Musik zudem eine gute Möglichkeit, sich mit spürbarem Erfolg weiter zu entwickeln.

Alle hoffen auf Frühling und Probe im Freien

Klar ist aber auch: Ohne Gemeinschaftserlebnisse kommen die Jugendlichen auf Dauer nicht aus. Das letzte große „Ensemble“ stellte Jan-Erik Bredehorst kurz vor Weihnachten zusammen: Schüler schickten dem Lehrer für Trompete und Tenorhorn ihre Einzelparts, die der Blechbläser am PC zu einem „Gesamtkunstwerk“ zusammenschnitt. Schmidt hofft auf den Frühling: Wenn die Temperaturen steigen, könnte wieder gemeinsam draußen gespielt werden. Selbst wenn noch nicht jeder gegen das Virus geimpft ist.

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