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"Wehmut übers Älterwerden ist Blödsinn"

Der Schlagzeuger und Mit-Begründer der Band "Nena", Rolf Brendel (63), schaut mit neuer Single ironisch auf "Vergessene Helden" der 80er zurück.

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Stimme und Sticks: Drummer Rolf Brendel singt zum ersten Mal auf seinem Solowerk. Wenn nicht gerade Pandemie ist, hält der Gründer der Band „Nena“ in Cloppenburg bei „Peter und der Rolf“ den Rhythmus. Foto: Peter Spelde

Stimme und Sticks: Drummer Rolf Brendel singt zum ersten Mal auf seinem Solowerk. Wenn nicht gerade Pandemie ist, hält der Gründer der Band „Nena“ in Cloppenburg bei „Peter und der Rolf“ den Rhythmus. Foto: Peter Spelde

Die gefiederte Indianerfigur steht noch immer in Rolf Brendels Studio, so lebensecht vergoldet wie ein Karl-May-Held.   Als die "Bravo" ihre schrille Jugend­trophäe, den treudeutschen "Otto", verlieh, flog der Schlagzeuger und Komponist gerade mit "99 Luftballons" um die halbe Welt: eine Karriere im Höhenrausch, ein Rekord-Ritt auf der Neuen Deutschen Welle mit einer späten, aber sanften Landung in Cloppenburg.

Jetzt blickt der 63-jährige Musiker selbstironisch auf die Zeit der fluffigen Fönfrisuren und poppigen Tanzbeats zurück. Seine neue Single "Vergessene Helden", die am Freitag herauskommt, ist der Vorgeschmack auf ein gleichnamiges Album, das am 3. Oktober erscheint.

Nach 38 Jahren singt der studierte Schlagzeuger zum ersten Mal "auf Platte", auch über "Otto". Zitat: "Er lächelt immer noch wie in den 80er Jahren, erzählt Geschichten von Mythen und toupierten Haaren." Mit bittersüßem Bedauern über den Verlust von Weltruhm und Jugend mag sich der Realist nicht aufhalten. Obwohl auch Brendel sich gefragt hat: "Muss ich mit 63 noch‘ n Pop-Album rausbringen?" Er muss nicht, er kann.

"Jeder Mensch wird älter. Aber man kann immer wieder aufstehen und was leisten, wenn man nur den Arsch hochkriegt."Rolf Brendel, Ex-Drummer der Band "Nena"

"Das ist doch alles Blödsinn", sagt der sonst eher gelassene Takthalter: "Jeder Mensch wird älter. Aber man kann immer wieder aufstehen und was leisten, wenn man nur den Arsch hochkriegt." Das in nur drei Monaten produzierte Album hat der Nena-Drummer komplett selbst geschrieben und komponiert - mit ironischen Reminiszenzen statt schwelgender Vergangenheitsbeschwörung. Der Wahl-Cloppenburger verarbeitet darin alltägliche Lebenserfahrungen und Sinnsuche, stilistisch angelehnt an die Neue Deutsche Welle.

Ex-"Atlantis"-Gitarrist Alex Conti ist mit von der Partie

Profis aus jener Zeit arbeiten in alter Frische mit. Der Ex-"Atlantis"-Gitarrist Alex Conti, der mit seinen Soli schon den "Briefkasten" schwindelig spielte, fliegt in zwei Songs über die Saiten. Nenas Keyboarder Uwe Fahrenkrog-Petersen, der zwischendurch Filmmusik für Jeff Goldblum und mehrere Musicals komponierte, setzte sich an die Hammond-Orgel. Bruder Dr. Lutz Fahrenkorg-Petersen, ein Musikwissenschaftler, produzierte das Album mit - noch kurz vor Corona.

Fürs Video zur Single machte Brendel aus der Not der Kontaktsperre eine Tugend: Seine Kollegen schickten ihm aus ganz Deutschland eigene Schnipsel, Handy-Videos, alte Auftrittsfotos und neue Ideen. Bassist Jürgen Dehmel stellte sich mit seinem Instrument mitten auf den menschenleeren Ku‘damm, die Gedächtniskirche in seinem Rücken, an seiner Seite eine Freundin mit einem Ghettoblaster, damit der Gitarrenschlag zum Rhythmus passt.

Fürs Road-Movie-Feeling lieh ein Cloppenburger Freund dem Musiker seinen ausladenden US-Oldtimer, einen Auburn Speedster. Am Ende schnitt Brendel in Heimarbeit alle Clips zum Video zusammen.

Butterfly-Gerät verlieh Brendel Flügel beim Texten

Dessen Titel "Vergessene Helden" hat ein anonymer Cloppenburger ganz bodenständig miterfunden - in einem örtlichen Fitness-Studio. Als Brendel gerade trainierte, sprach ihn der Unbekannte an: "Was ich Sie immer schon mal fragen wollte: Wie schafft das ein Drummer eigentlich, zwei Stunden in einem Konzert durchzuhalten?" Als der Musiker sich wunderte, erkannt worden zu sein, antwortete der Hobby-Sportler: "Sie waren doch der Held meiner Jugend." Die Begegnung am "Butterfly"-Gerät bestärkte Brendel beim Texten.

Schnell vergessen zu werden, "passt doch wie die Faust aufs Auge in der Coronakrise", glaubt der Mann, der Platin und Gold plattenweise sammelte und 40.000 Singles am Tag verkaufte. Brendel erinnert an den Fenster-Applaus für das Pflegepersonal, das auf den Intensivstationen "rund um die Uhr geschuftet und Übermenschliches geleistet hat". Ob sich alle noch daran erinnern, wenn die Pandemie irgendwann am Ende ist und über Tarife verhandelt wird? Brendel zweifelt.

"Das war mein bester Freund, einer der großzügigsten Menschen, die ich kennengelernt habe."Rolf Brendel über den Gitarristen Carlo Karges

Eine persönliche Hommage hat der Drummer einem Mann gewidmet, dem er seine Fähigkeiten als Autor verdankt: Carlo Karges, der Gitarrist und Co-Autor von "99 Luftballons", starb vor 18 Jahren. "Das war mein bester Freund, einer der großzügigsten Menschen, die ich kennengelernt habe", sagt Brendel. "Jetzt bist Du ein Stück vom Himmel, das Meer berührt den Horizont", hat sein Schüler für ihn geschrieben, das persönlichste Stück des Albums.

Ob Hörer das Ergebnis am Ende zu schätzen wissen? Brendel war so erfolgreich, dass es ihm egal sein darf. "Die denken heute alle in Zielgruppen", sagt er über die Musikbranche: "Davon hab‘ ich mich völlig gelöst. Das Publikum, das ich finden werde, ist wahrscheinlich in meinem Alter. Und das ist doch völlig in Ordnung."

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