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Warum der ukrainische Künstler Petro Holonko mit dem Mund malt

Der seit Mitte März in Neuenkirchen-Vörden lebende Ukrainer Petro Holonko ist seit 2013 gelähmt. Trotz des Handicaps ist der achtfache Vater seit 2 Jahren als Künstler aktiv.

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Er meistert sein Schicksal: Petro Holonko ist seit 9 Jahren querschnittsgelähmt. Zum Malen nimmt er den Pinsel in den Mund. Seine Bilder zeugen von großem Talent. Foto: Ebenthal

Er meistert sein Schicksal: Petro Holonko ist seit 9 Jahren querschnittsgelähmt. Zum Malen nimmt er den Pinsel in den Mund. Seine Bilder zeugen von großem Talent. Foto: Ebenthal

Er bereitete gerade eine Ausstellung für Montreal/Kanada vor, als der Krieg kam: Der Ukrainer Petro Holonko lebt mit seiner Familie seit Mitte März in Neuenkirchen-Vörden. Er ist vom Hals abwärts gelähmt.

Es war ein schwerer Schicksalsschlag, der Petro Holonko 2013 aus dem gewohnten Leben warf. Im Haus der Begegnung „Alte Molkerei“ in Neuenkirchen erzählt er aus seinem Leben. Seit Mitte März wohnt der Ukrainer mit seiner Familie in Neuenkirchen-Vörden. Die Geschichte ist ergreifend, und trotzdem strahlt der Vater von 8 Kindern vor Freude und Lebensmut. Er lacht viel und erzählt schwierige Situationen als Anekdoten.

Vier gebrochene Halswirbel nach Unfall auf Baustelle

Er arbeitete vor 9 Jahren auf einer Baustelle in Moskau, als ein schweres Paket Gipskartonplatten auf ihn stürzte. 4 Halswirbel brachen. Weil er die hohe Summe für die OP in Moskau nicht hatte, wollte ihn dort kein Arzt operieren. Also transportierten ihn die Arbeitskollegen 1200 Kilometer auf dem Boden eines Lieferwagens liegend nach Kiew. Doch die OP hier verlief nicht erfolgreich, sodass der damals 43-Jährige vom Hals abwärts gelähmt blieb. Dank vieler Übungen kann er inzwischen seine Arme heute zwar leicht anheben, kommt allerdings nicht bis zum Gesicht. „Nach 7 Jahren kann ich die Hand heben, nach 700 Jahren wieder arbeiten“, sagt er mit einem Schmunzeln.

„Das Leiden kam, als ich zu Hause war“, erinnert sich Petro Holonko. Wie sollte er die Familie versorgen, wenn er nur liegen und einzig den Kopf bewegen konnte? Familie Holonko gehört zu einer freien evangelischen Christengemeinde, deren Mitglieder zerstreut in vielen Ländern leben. Bekannte und Freunde aus aller Welt legten damals zusammen und kauften ein Haus für die Familie. Er habe dennoch unter Depressionen gelitten und sogar an Selbstmord gedacht, gibt Petro Holonko zu. Doch der feste Glaube an Gott hielt ihn davon ab.

Zunächst startete er ein Projekt zusammen mit einem Schweißer, der nach Holonkos Anleitung praktische Dinge herstellte, zum Beispiel eine Schaukel oder einen Grill. Damit habe er „ein bisschen Geld verdient“. Er begann, an verschiedenen Orten Bilbellesungen durchzuführen, unter anderem auch im Gefängnis. Er habe außerdem viel gebetet und um eine Eingebung gebeten.

Erst mit 50 entdeckte er seine Leidenschaft fürs Malen

Die kam am Abend seines 50. Geburtstags. Er habe plötzlich den Wunsch verspürt, malen zu wollen, obwohl er das vorher nie gemacht habe. Ehefrau Oksana habe ihm einen Pinsel zwischen die Zähne gesteckt, mit dem er ein Brett bemalt habe. Es sei ein schönes Gefühl gewesen, „erstmals nach 7 Jahren etwas selber gemacht“ zu haben.

Seither malt er sehr viel – zuerst mit Acryl-, jetzt mit Ölfarben. Das sprach sich über seine Heimatstadt hinaus herum. Die Zeitung und das Fernsehen besuchten ihn in Sarny, eine Kleinstadt mit rund 30.000 Einwohnern, die nordwestlich rund 300 Kilometer von Kiew entfernt liegt. Petro Holonko erhielt Aufträge und viel Besuch, auch aus Deutschland, Amerika, Kanada und Australien. Seine zahlreichen Bilder mit Landschaften, Tieren und Porträts wurden in Ausstellungen präsentiert. Durch den Krieg hat er „alles verloren“ und ist über Polen nach Deutschland geflohen.

In Bieste lebt er nun auf einem leer stehenden Bauernhof zusammen mit Ehefrau Oksana, die sich mit Unterstützung der drei jüngsten Kinder um die Pflege ihres Mannes kümmert. Zwei Töchter (17 und 19 Jahre) und der 14-jährige Sohn leben ebenfalls in Bieste. Der Jüngste absolviert weiter über die Ukraine die Schule und zwar online. Die Familie ist komplett für einen Sprachkurs angemeldet.

Seine Werke musste er in der Heimat zurücklassen

Seine Werke hat Petro Holonko derzeit nur als Fotos auf dem Handy. Gerade erst hat er einen Anruf aus der Ukraine erhalten – mit einer schönen Nachricht: Seine Bilder sind nicht wie befürchtet zerstört, sondern allesamt wieder aufgetaucht.

Dass viele Menschen nicht glauben könnten, dass er solche Bilder mit dem Mund gemalt habe, berichtet er. In seiner neuen Wohnung zeigt er, wie das geht. Ein ehrenamtlicher Helfer aus Neuenkirchen hat ihm ein Malpodest für sein Pflegebett gebaut. Auf einer Untertasse sind ein paar erbsengroße Farbklümpchen aufgebracht. Eine Flusslandschaft zeigt sich auf dem aktuellen Bild, bei dem Petro Holonko gerade die Lichtspiegelungen nuanciert aufbringt. Im Regal an der Wand trocknen zwei weitere beeindruckende Landschaftsbilder. Der Mann hat großes Talent.

Das Handy kann Holonko mit einem Finger der lahmen Hand bedienen. Auch den elektrischen Rollstuhl, den er in Deutschland bekam, steuert er mit dieser Hand und fährt die 5 Kilometer bis Neuenkirchen selber. Hier gefalle es ihm sehr gut. Nur das Internet könnte besser sein. In Bieste wird gerade erst Glasfaser verlegt. Und er hofft auf Sponsoren für Material wie Farben und Leinwände. Denn er hat immer noch viel Lust zu malen.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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