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#Wahrheit - Was kollektive Paranoia anrichten kann

Kolumne: Irgendwas mit # - Seit jeher sucht die Menschheit nach Wahrheit - und das mit teils verheerenden Folgen. Was passiert, wenn Geschichten zur Wirklichkeit werden.

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"Nein, so stimmt das nicht." - "Ich weiß das besser." - "Du musst das so sehen." Wer hat Recht und wer nicht? Seit Jahrtausenden ist die Menschheit auf der Suche nach Wahrheit. Der Absoluten. Ob's die wirklich gibt, stand in vielen Dekaden kaum zur Debatte. Viel entscheidender war, ob man im Recht war - und nicht, ob man Recht hatte.

Gefährlich wurde es allerdings immer dann, wenn die Wahrheit mit einer Geschichte verwechselt wurde, die einen ins Recht und das Gegenüber ins Unrecht setzte - in zwischenmenschlichen Beziehungen, in Beziehungen von Nationen, Volksstämmen, Religionen und so weiter. In solchen Fällen hat die Überzeugung "ich habe Recht und du Unrecht" den Konflikt und die Kluft zwischen Menschen vertieft.

Ist damit gesagt, dass es gar kein rechtes oder falsches Verhalten und Handeln und daher keine rechte oder falsche Überzeugung gibt? Ist das nicht der moralische Relativismus, den manche christliche Lehren von heute für das große Übel unserer Zeit halten?

Pol Pot ließ Brillenträger für die "Wahrheit" ermorden

Die Geschichte des Christentums ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Überzeugung, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein - also Recht zu haben - das Handeln und Verhalten bis zum Irrsinn korrumpieren kann. Jahrhundertelang galt es im Christentum als rechtens, Menschen zu foltern und bei lebendigem Leibe zu verbrennen, sobald ihre Auffassung von der Kirchendoktrin oder eigenen, sehr engen Auslegung der biblischen Schrift (der "Wahrheit") abwich. Das "Unrecht" der Opfer war sodann so groß, dass sie getötet werden mussten. Die Wahrheit war wichtiger als Menschenleben. Und was war die Wahrheit? Eine Geschichte, an die man glauben musste - nur ein Haufen Gedanken.

"Aber man findet keine absolute Wahrheit, wenn man sie dort sucht, wo sie nicht zu finden ist: in Dogmen, Ideologien, Regelsätzen oder Geschichten."Max Meyer, Volontär

Zu den eine Million Menschen, die der wahnsinnige kambodschanische Diktator Pol Pot ermorden ließ, gehörten unter anderem Brillenträger. Warum? Für ihn war die marxistische Auslegung der Geschichte die absolute Wahrheit. Und nach seiner Version gehörten Brillenträger zur gebildeten Klasse, der Bourgeoisie, den Ausbeutern der Bauern. Sie mussten eliminiert werden, um für eine neue Gesellschaftsordnung Platz zu machen. Weitere Beispiele kollektiver Paranoia: der Erste und Zweite Weltkrieg, der Kommunismus während seiner gesamten geschichtlichen Entwicklung, der Kalte Krieg, der anhaltende gewaltsame Konflikt im Nahen Osten.

Gedanken können bestenfalls auf die Wahrheit hindeuten

Ja, die katholische und andere Kirchen haben heute Recht, wenn sie den Relativismus - die Überzeugung, dass es keine absolute Wahrheit gibt, von der sich der Mensch in seinem Verhalten leiten lassen könnte - für eines der Übel unserer Zeit halten; aber man findet keine absolute Wahrheit, wenn man sie dort sucht, wo sie nicht zu finden ist: in Dogmen, Ideologien, Regelsätzen oder Geschichten. Wahrheit liegt hinter den Gedanken. Sie ist das, was Gedanken ermöglicht. Sie hat keinen Anfang und kein Ende - ist zeitlos. Gedanken können bestenfalls auf sie hindeuten, aber nie sie selbst sein. Das müssen die Buddhisten gemeint haben, als sie sagten: Der Finger, der zum Mond zeigt, ist nicht der Mond.

Praktikabel gemacht hat den Wahrheitsbegriff der Religionskritiker Ludwig Feuerbach. Er sagte: "Wo keine Liebe ist, ist auch keine Wahrheit." Und wo Liebe ist, gibt es schließlich kein Recht und Unrecht. Dort ist Einklang.


Zur Person:

  • Max Meyer ist Volontär der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@ov-online.de.

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