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Vom Umgang mit der Wahrheit

Die Boulevardpresse ist trotz Umsatzrückgängen nicht kleinzukriegen. Unser Autor hat da so seine ganz eigene Theorie, weshalb die bunten Nachrichten so beliebt sind.

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Es ist zu einer als angenehm empfundenen Gewohnheit geworden, dass uns während des Abendessens die ARD-Quizsendung "Gefragt – gejagt" begleitet. Ja, es passierte auch schon, dass mir Kartoffelstückchen oder Tortellini aus dem Mund rutschten, als ich in der Schnellraterunde mehr wusste als der Kandidat. Sie verstehen: Es ist halt schwer, Nahrungsaufnahme, Kau- und Schluckprozess zu koordinieren und gleichzeitig das Lösungswort "Dominantseptakkord" auszustoßen.

Wie komme ich auf diese unappetitliche Einleitung? Eigentlich dreht es sich gar nicht um die Ratesendung als solche, sondern um den kurzen Werbeblock, der vor dem Finale der Wissensshow eingeschoben wird. In die beschauliche Melange aus Pommes und Bommes knatterte nämlich die Reklame für ein Druckerzeugis, von dem ich glaubte, es sei längst vom Markt verschwunden. "Helene & Florian: Glücksjubel – Die Sensation ist perfekt" dröhnte es aus den TV-Lautsprechern, und der Marktschreier legte gleich nach: "Kate & William – Hurra, das 4. Baby" und "Andy Borg – Entscheidung aus Liebe". Quell dieser Glücks-Explosion: das "Goldene Blatt".

"Sie werden nicht nur beim Friseurbesuch gelesen und auch nicht nur wegen der Kreuzworträtsel gekauft – genau sowenig wie der 'Playboy' nur wegen der Interviews."Alfons Batke

Bunte Heftchen wie "Bild der Frau", "Neue Post", "Freizeit Revue", "mach mal Pause" oder "Die Aktuelle" firmieren unter dem Sammelbegriff Regenbogenpresse oder Yellow Press. Auch wenn sie in den letzten Jahren kräftige Einbußen hinnehmen mussten, so liegt ihre Gesamtauflage noch immer über der von Nachrichtenmagazinen. Entgegen der weit verbreiteten Meinung: Sie werden nicht nur beim Friseurbesuch gelesen und auch nicht nur wegen der Kreuzworträtsel gekauft – genau sowenig wie der "Playboy" nur wegen der Interviews.

Herz, Schmerz, Liebe, Hass, Eifersucht, Neid und Geld: Aus diesen Zutaten lassen sich wunderbare Süppchen kochen, die einer vornehmlich älteren Leserschaft aufgetischt werden. Mit der Wahrheit muss man es nicht so genau nehmen – geflügeltes Wort unter den Schreibern: "Man kann eine Geschichte auch kaputt recherchieren." Also lieber spekulieren und suggerieren; Ente gut, alles gut! Es geht um Bares, nicht um Wahres. "Die Lügengeschichten lohnen sich noch immer, weil die Schmerzensgelder so gering sind", sagt Rechtsanwalt Matthias Prinz, der viele "Opfer" der Klatschpresse vor Gericht vertreten hat.

Der Journalist Mats Schönauer hat mit "Topf Voll Gold" einen Blog geschaffen, der die Praktiken der Geschichtenerfinder und Überschriften-Akrobaten entlarvt. Die Tatsache, dass Prinz William jetzt gelegentlich eine Brille trägt, verwurstete "Das Neue" auf der Titelseite zu: "Schock zum 38. Geburtstag! Wird er seine Lieben nie wiedersehen?" Und die "Schöne Woche" machte aus dem Instagram-Aktivitäten des Entertainers Kai Pflaume, der dabei auch zu den Followern einiger Models gehört, den Titel: "Pikante Enthüllung. Er guckt sich sexy Blondinen im Internet an. Wie kann er das seiner Frau nur antun?" Und einst verkündete das gynäkologische Fachpersonal von "Neue Welt" einen Tag vor der Niederkunft: "Victoria – Hurra, ein Junge! Silvia weinte vor Glück". Knapp daneben, die schwedische Prinzessin brachte ein Mädchen zur Welt.

Ach ja, was ist eigentlich mit den eingangs erwähnten Protagonisten Helene & Florian? Keine Ahnung – denken Sie sich was aus!


Zur Person:

  • Alfons Batke (64) ist Journalist und lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@om-online.de.

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