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#Vom Klang der Stille

Kolumne: Irgendwas mit # - Max Richters Werk "Sleep" wird jetzt fünf Jahre alt. Einschlaflieder haben schon mehrere Komponisten geschrieben, doch Richter nimmt es besonders genau.

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Das laute Krachen des Donners - kurze Stille, gefolgt von einem monotonen Bass: Die Wogen geglättet. Unaufgeregt. Vertraut. Simpel - und dennoch magisch, gar mystisch. Im September 2020 wird Max Richters (der unlängst mit seinem neuen Album "Voices" eine Ode an die Menschenrechte komponiert hat) Ambient-Werk "Sleep" fünf Jahre alt. Eine achtstündige Streicheleinheit fürs Ohr. Seit 2015 fester Bestandteil meines abendlichen Musikrepertoires.

Aus gutem Grund: Die musikalische Meditation lädt zum Abschalten ein. Und das höchst effektiv. Kein Novum, das ist klar. Richter ist nicht der erste, dem die Idee eines Schlafliedes kam. Fréderic Chopin, Maurice Ravel, Ferrucio Busoni: Sie alle komponierten eigene Kreationen des Wiegenlieds. Am bekanntesten dürfte Brahms "Guten Abend, gute Nacht" sein. Gemein ist den musikalischen Genies das Thema. Different: Die Umsetzung, beziehungsweise Denke.

Der Brite erzählt die Geschichte des Schlafs nämlich in Echtzeit: Acht Stunden und 24 Minuten. Über die ganze Nacht verteilt - ob wach oder im Land der Träume. Ein Grauen für Analytiker, die Stücke am liebsten von vorne bis hinten auseinanderklamüsern. Hätte es Richter auf einen Zweikampf mit Musiktheoretikern angelegt, er hätte der Konsequenz des römischen Kaisers Nero kein Stück nachgestanden.

"Richter schafft es nämlich, den Zuhörer an die Hand zu nehmen, ihn in eine warme Decke aus beruhigenden Klängen zu hüllen und peux à peux ins Land der Träume zu befördern."Max Meyer, Volontär

Auf den zweiten Blick wird jedoch klar: Die acht Stunden sind bewusst gewählt. Bei Richter hinterfragt das Unkonventionelle die Konvention. Konventionell wie die berühmte "Fahrstuhlmusik" ist auch Richters Werk. Eine Dudelei im Hintergrund. Ähnlich wie in Werken Erik Saties wird auch bei Richter die repetitive, minimalistische Blaupause eine profane Einrichtung, ein Möbelstück im Raum. Eine Nebensächlichkeit. Und doch zur Hauptsache.

Weitere Vorreiter für diesen Musikstil gibt es genug: Brian Eno ist ein solcher. (Für die Coldplay-Fans unter den Lesern: Er verhalf der Band zur Melodie von "Viva la Vida“.) Seine Komposition "Ambient 1: Music for Airports" (übrigens ganz oben in meiner Liste), ist quasi eine weitere Vorstufe Richters. Mitte der 70er Jahre soll Eno einige Stunden am Flughafen Köln/Bonn verbracht haben - genervt von der Lärmkulisse in der Wartehalle. Seine Komposition "Musik für Menschen an Flughäfen" avancierte bald zum Ambient-Klassiker und wurde sogar einige Zeit in den 1980ern am New Yorker Flughafen LaGuardia gespielt. Unterhaltungsmusik mit Tiefe.

Tiefenentspannend - einfach Ruhe. Diese Motivation dürfte Satie, Eno und Richter in gewisser Weise verbinden. Richter trifft damit den Nerv der Zeit: In unser nach Aufmerksamkeit schreienden Gesellschaft, karikiert durch permanentes Informiert-Sein und dem neuesten Trend hinterherhechtend, stellt sich der renommierte Komponist gegen das, was im Grunde genommen der Todesstoß für jeden Kreativen ist: Er riskiert, dass seine Zuhörer einschlafen.

Aber nicht vor Langeweile. Richter schafft es nämlich, den Zuhörer an die Hand zu nehmen, ihn in eine warme Decke aus beruhigenden Klängen zu hüllen und peux à peux ins Land der Träume zu befördern. Ich bin ihm sehr dankbar, denn: Mir hat mein Namensvetter manch schlaflose Nacht erspart. Auch nach fünf Jahren werde ich nicht müde, im Bett die Klänge des Epos wieder und wieder durch meine Ohrmuschel Richtung Trommelfell schwingen zu lassen. Ein recht simpler, aber dennoch musikalischer Meilenstein. Ein stetig wiederkehrendes Echo. Unbändiger Ohrwurm. Zum Einschlafen schön. Manchmal ist eben nur "einfach" genial.


Zur Person

  • Max Meyer ist Volontär von OM online.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@ov-online.de

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