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Vom Beethoven-Hype und dem Verrückten aus dem Tübinger Turm

Kolumne: Das Leben als Ernstfall

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2020 ist das Jahr der Genies. Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven, und Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurden vor 250 Jahren geboren. Ferner ist Paul Celans 100. Geburtstag und 50. Todestag. Da kommen Weltliteratur, Weltmusik und Weltphilosophie zusammen.

Doch vor allem dem Komponisten Beethoven kann sich medial aktuell wohl niemand entziehen. Um den charismatischen Feuerkopf hat sich – Omnipräsenz dank World Wide Web – ein Hype entwickelt, wie auch Melanie Unseld unlängst in einem „Zeit“-Interview feststellte. Die Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien konstatierte: „Staatstragender Anlass trifft auf unbegrenzte mediale Möglichkeiten: perfekt!“

Das ist schade. Denn der Beethoven-Hype versperrt den Blick auf den wohl Größten, den die deutsche Literatur je hervorgebracht hat – Goethe und Schiller mögen mir meinen Superlativismus verzeihen.

„Leute, lest mehr Hölderlin – auch wenn es unendlich mühsam ist!“Andreas Timphaus, Reporter

Der Außenseiter, der Verkannte, der Verrückte aus dem Tübinger Turm – Johann Christian Friedrich Hölderlin und sein Werk galten schon zu Lebzeiten als anspruchsvolle Kunst. Neudeutsch: schwere Kost.

Ich kam mit seiner Epik und Lyrik während meines Germanistik-Studiums in Oldenburg in Berührung. Die Diskussionen, die sich im Seminar zu Hölderlins Sprache – dem ekstatischen Überschwang und der oft dunklen Bildlichkeit – entspinnten, gehören zu meinen bisher prägendsten intellektuellen Erfahrungen. Die Rezeption seiner Texte kann in einen Rausch versetzen. Sie kann aber auch frustrieren. Denn Hölderlin macht keine halben Sachen. Er will auch keine halben Leser. Er will den ganzen, den arbeitenden, den mitarbeitenden Leser.

Gerade in der heutigen Zeit, in der wir uns einer durch die „sozialen Netzwerke“ entfesselten sprachlichen Verrohung gegenübersehen, setzt Hölderlin einen Kontrapunkt. Nur in großer Literatur – und das Œuvre des Tübinger Geistestitanen gehört mit Bestimmtheit dazu – lässt sich der verantwortungsvolle Umgang mit Sprache erlernen. Deshalb: Leute, lest mehr Hölderlin – auch wenn es unendlich mühsam ist!

2013 wurde der 250. Geburtstag Beethovens im Koalitionsvertrag zur„nationalen Aufgabe“ erklärt – und die Feierlichkeiten anlässlich des Gedenktages mit einigen Millionen Euro ausgestattet. Auch ein Celan oder Hegel hätten diese Wahrnehmung sicherlich verdient – ganz gewiss aber Hölderlin.

Zur Person

  • Andreas Timphaus ist Redakteur der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@om-online.de.

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