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Standing Ovations für die Zollhausboys in Dinklage

Mit starken Texten, klaren Botschaften, tollen Melodien und Momenten zum Lachen schafft die sechsköpfige Gruppe einen leichtfüßigen Abend mit schweren, aber gesellschaftlich relevanten Themen.

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Die Zollhausboys (von links): Thomas Krizsan, Ismaeel Foustok, Selin Demirkan, Azad Kour, Shvan Sheikho und Pago Balke. Foto: Heinzel

Die Zollhausboys (von links): Thomas Krizsan, Ismaeel Foustok, Selin Demirkan, Azad Kour, Shvan Sheikho und Pago Balke. Foto: Heinzel

Held*innen, Heimat, Homeoffice während Corona, Klimawandel, Rechtsradikalismus und ein Lied für Sophie Scholl - das sind einige der Themen, welche die Zollhausboys jetzt während ihres Auftritts in Dinklage ansprachen. Die Besucher in der Aula der Oberschule erlebten ein aufrüttelndes, nachdenkliches und mit viel Humor gespicktes Programm. Sie honorierten den abwechslungsreichen Auftritt mit Standing Ovations und lauten Zugabe-Rufen. Veranstaltet wurde das Event durch den Bürger- und Kulturring der Stadt Dinklage. 

Programm spricht Kopf und Herz an

Es war ein durchaus flottes, thematisch dichtes Programm, welches den Spagat zwischen ruhigen und lauten Momenten schaffte. Es informierte und gab Denkanstöße, aber ohne einen erhobenen Zeigefinger oder einen oberlehrerhaften Duktus. Es sprach Kopf und Herz an und ließ niemanden unberührt. Jedes einzelne Mitglied der Zollhausboys hatte seinen Song, seinen Auftritt und konnte so ganz individuell einen Schwerpunkt setzen. Das Ganze war so geplant, dass das Programm in sich stimmig ist.

Die Zollhausboys sind die drei jungen syrischen „Bremer Neubürger“ Ismaeel Foustok, Azad Kour und Shvan Sheikho sowie die Berliner Sängerin Selin Demirkan, der Musiker Thomas Krizsan und Kabarettist Pago Balke.

Ein Lied für Sophie Scholl, gesungen von Selen Demirkan (links) und begleitet von Ismaeel Foustok. Foto: HeinzelEin Lied für Sophie Scholl, gesungen von Selen Demirkan (links) und begleitet von Ismaeel Foustok. Foto: Heinzel

Aufmerksam und stets anerkennenden Applaus spendend, verfolgten die Besucher die sehens- und hörenswerte Veranstaltung. Geschickt untermalten und verstärkten die Zollhausboys ihre Botschaften durch den Einsatz von effektvoll zusammengeschnittenen Bildmontagen. Etwa bei dem Lied für Sophie Scholl (1921 bis 1943), welches das Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ in verschiedenen Bildern zeigte und zum Schluss langsam immer weiter auf ihr Gesicht zoomte. Selin Demirkan sang: „Sie marschieren in Scharen, wie ihre Vorfahren“ und später noch: „Sophie,  du kannst dir denken, sie töten wieder Menschen“. Es war berührend und beklemmend zugleich. Verstärkt wurde das vor allem dadurch, dass direkt davor die Gruppe ein Lied über die Opfer des rechtsextremen Terroranschlags von Hanau gesungen hatte.

"Nicht nur über Menschenrechte sprechen, sondern sie auch umsetzen."Zollhausboys

Mit einem Protest-Chanson besangen die Zollhausboys das Wirken von Held*innen und die Notwendigkeit von Zivilcourage. Griffen noch einmal das Thema Flucht auf, indem sie das Lager Moria ansprachen und betonten, man solle „nicht nur über Menschenrechte sprechen, sondern sie auch umsetzen.“ Ismaeel Foustok sang gegen Ende des Abends: „Mein Herz zieht mich nach Syrien, doch gehöre ich da noch hin?“ Etwas später stimmen die Zollhausboys eine Hymne auf Bremen mit der Zeile: "Bremen ich mag dich, du bist klein, pleite und sympathisch" an.

Viele solcher Erinnerungssplitter werden die Besucher mit nach Hause genommen haben. Eindrücklich war auch, wie Azad Kour mittels Videoeinspielung in einem zerstörten Haus beim Tanzen zu sehen ist, während Selin Demirkan „Dance it all away“ singt, von Thomas Krizsan am Klavier und Ismaeel Foustok am der Gitarre begleitet. Es hat etwas Melancholisches, aber gleichzeitig auch etwas Hoffnungsvolles.

Die Herausforderungen des Homeoffice mit kleinen Kindern und hilfsbedürftigen Eltern als Comedy-Einlage.
Foto: Heinzel
Kochen ist Heimat, sagt Azad Kour und zeigt wie es geht.
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Ismaeel Foustok
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Pago Balke
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Selin Demirkan
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Shvan Sheikho (vorne) und Pago Balke
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Thomas Krizsan
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Azad Kour (rechts) mit Ismaeel Foustok
Foto: Heinzel

Azad Kour hatte zwei Comedy-Auftritte mit „Kochen ist Heimat“ und „Homeoffice“. Er sprühte dabei vor lauter Spielspaß und ging in seiner Performance auf. Die Lacher waren ihm sicher. Scharfsichtig überspitzten sie die Situation im Homeoffice, als Abdullah Werner versuchte, Hemden via Videokonferenz zu verkaufen und gleichzeitig auf seine zwei kleinen Kinder und den hilfsbedürftigen Vater aufpassen muss. Keine leichte Aufgabe, welche ihm durch seine Kunden nicht einfacher gemacht wird. „Nein, ich habe Deutschland keine Frau weggenommen, meine Frau hat mir meinen Namen genommen“, sagt er einmal in die Kamera.

Es war jedenfalls ein eindrucksvoller Abend, und Emily Greschner vom Bürger- und Kulturring sagte es sehr treffend: „Zum dritten Mal ganz fantastisch unterhalten und vieles angestoßen, was noch lange nachwirkt.“

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