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Selbstoptimierung ist nicht Sokrates "Erkenne dich selbst"

Kolumne: Life-Coaches, Selbsthilfe-Gurus, "positive Psychologie": Auf dem Weg zur Selbstoptimierung gibt es viele Wege. Dabei sollten sich die Leute besser fragen, ob sie nicht auf dem Holzweg sind.

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Gut, besser, am besten: Wir leben im Zeitalter der Selbstoptimierung, drehen uns unaufhörlich im Hamsterrad. Immer weiter, höher, schneller, effizienter. Doch mit welchem Ziel? Glückseligkeit? Oder werden wir immer mehr Bestandteil eines Systems, das stets auf Wachstum aus ist? Dann ist Selbstoptimierung mittlerweile nur noch ein weiteres Produkt des Kapitalismus, das Mehr wichtiger empfindet als Zufriedenheit.

Zahlreiche Persönlichkeits-Coaches, Lebensberater, Motivatoren oder Selbsthilfe-Gurus verfestigen das Bild. Sie erzählen alle das Gleiche: die Geschichte vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan. Dafür bauen sie identitätsstiftende Geschichten auf. Vom Tief ins Hoch: Wie sie ihren Weg aus der menschgewordenen Hölle schafften. Und wie das Ganze funktioniert: Man selbst steht in der Verantwortung – ist für das eigene Glück verantwortlich. Wer es selbst nicht schafft, hat selbst schuld.

Wie der Weg zur Zufriedenheit und Glückseligkeit funktioniert, bleibt dabei vollkommen offen. Das muss schon jeder selbst wissen. Aber: "Tschakka, du schaffst es!" Na, herzlichen Glückwunsch!

"Man findet nicht zu sich selbst, wenn man sich auf sein beschränktes Ich, die Person, fokussiert, sondern die Aufgabe des eigenen Seins ist nur dann ersichtlich, wenn man sich im gesamten Gefüge des Daseins versteht."Max Meyer

Aber: Kein Wunder, die Grundgrammatik unserer Gesellschaft ist Individualismus. Zumindest im sogenannten Westen sprechen wir vom Individualismus, der Möglichkeit, sich freien Willens selbst zu verwirklichen. Löblich, denn der Individualismus ist eine Errungenschaft des Fortschritts. Doch er hat auch seine Tücken: Konkurrenzdenken und Leistungsorientierung. Das Schwinden des Kollektivs, der Gemeinschaft. Ich, ich, ich.

"Werde dein bestes Selbst" – was für ein Unsinn

"Werde dein bestes Selbst": Das sind Slogans, die in der Glücksforschung als populär verstanden werden, gar einen ganzen Wissenschaftszweig erschaffen haben. Dabei offenbaren sie bei genauerem Hinsehen, wie krankhaft das Denken dieser "positiven Psychologie" ist. Denn wer könnte mehr man selbst sein, als Sie, als ich? Wer könnte besser sein als das, was wir sind?

Bedeutet das, dass wir uns nicht mehr verbessern können oder sollten? Mitnichten. An dieser Stelle kann die Unterscheidung zwischen der modernen "Selbstoptimierung" und Sokrates "Erkenne dich selbst" helfen: Nicht das kleine Ich, die Person, ist es, auf die wir uns nach Sokrates besinnen sollten, sondern das große Ich, das seinen Platz in der Gesellschaft, im Universum, in Abhängigkeit von allem sucht – um glücklich, zufrieden zu sein.

Man findet nicht zu sich selbst, wenn man sich auf sein beschränktes Ich, die Person, fokussiert, sie optimiert, verbessert. Die Aufgabe des eigenen Seins ist nur dann ersichtlich, wenn man sich im gesamten Gefüge des Daseins versteht. Dazu müssen wir Fehler machen, lernen und dann in einem gesunden Sinn wachsen. Nicht um jeden Preis (der Selbstoptimierung), aber dafür: ganz individuell. "Man muss, solange man lebt, lernen, wie man leben soll." (Seneca)


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