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Seit 55 Jahren Herr über das Lingener Glockenspiel

Zwei Weltkriege dezimierten die Anzahl der Glockenspiele in Deutschland drastisch - inzwischen gehören sie wieder in vielen Orten zum Alltag. Ein Beispiel dafür ist Lingen.

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In Lingen kümmert sich seit 55 Jahren Hans-Dieter Thomas ums Glockenspiel im Historischen Rathaus am Marktplatz der Stadt. 

In Lingen kümmert sich seit 55 Jahren Hans-Dieter Thomas ums Glockenspiel im Historischen Rathaus am Marktplatz der Stadt. 

Ob "Üb immer Treu und Redlichkeit", die "Ode an die Freude" oder "Hark! The herald angels sing" - wenn Glockenspiele mit ihrem metallischen Sound über den Dächern der Städte erklingen, wirkt das irgendwie altmodisch, behäbig und auch anrührend. Fast wie eine Zeitkapsel aus alter Zeit. Und: Es ist Musik für jedermann und jederfrau, umsonst und draußen. Wenn man so will, ein Kulturhappen "to go". In Lingen kümmert sich seit 55 Jahren Hans-Dieter Thomas ums Glockenspiel im Historischen Rathaus am Marktplatz der Stadt.

Es war im Jahr 1965, als Thomas im Alter von 24 Jahren bei der Stadt fragte, ob er zu Weihnachten einmal das Glockenspiel spielen dürfe. Er durfte - und seitdem ist er der Glockenspieler von Lingen. "Es war reiner Zufall, dass ich zum Glockenspiel gekommen bin", sagt der heute 79 Jahre alte frühere Gymnasiallehrer. Das Glockenspielen hat er sich selber beigebracht. "Ursprünglich komme von der Orgel."

Seit Pfingsten 1952 besitzt Lingen ein Glockenspiel

"Ich habe hier in bitterer Kälte gesessen", erinnert sich der pensionierte Musiklehrer. Die Umgewöhnung von der Orgel auf das Glockenspiel, die ein deutlich geringeres Spektrum an Tönen hervorbringen kann, sei ihm persönlich leichtgefallen. "Das kann man einfach - wenn man die Ton- und Harmonielehre beherrscht."

Glockenspieler Hans-Dieter Thomas hat 1965 zum ersten Mal auf der Anlage gespielt. Foto: dpaGentschGlockenspieler Hans-Dieter Thomas hat 1965 zum ersten Mal auf der Anlage gespielt. Foto: dpa/Gentsch

Seit Pfingsten 1952 besitzt Lingen ein Glockenspiel. Erst hatte es zwölf, seit 2015 hat es 20 Glocken. 2002 wurde es um ein Figurenspiel ergänzt. Einen regulären Glockenspieler gab es erst mit Thomas. Die Musik wird in der Regel automatisch gespielt, früher von einer Mechanik mit einer gelochten Tonrolle, heute läuft die Steuerung digital.

Die Kunstfertigkeit von Thomas auf dem Glockenspiel brachte ihm zehn Jahre später einen weiteren "Nebenjob" ein: Ein Turmuhr- und Glockenspielhersteller aus Melle suchte nach einem neuen Musiker, der für die automatisierten Glockenspiele Tonrollen einspielte. Seit 1975 arbeitet Thomas auch für dieses Unternehmen - selbst von Glockenspielen in Finnland oder Japan erklingen heute Melodien, die Thomas eingespielt hat. "Eigentlich hätte ich jetzt ja Zeit, da mal hinzufahren und mir das anzuhören. Ich bin dazu aber noch nicht gekommen." In Deutschland erklingen etwa in Hamburg, Bremen, Ulm, Braunlage, Lübeck, Brilon, Berlin oder Arnsberg Glockenspiele, für die er die Notenbänder erstellt hat.

Allerdings: Glockenspiel ist nicht gleich Glockenspiel. Instrumente mit mindestens 23 Bronzeglocken, die über einen Stockspieltisch gespielt werden, werden Carillons genannt - ihre Heimat ist in Nordfrankreich, Belgien und den Niederlanden. Diese Instrumente verfügen über ein deutlich breiteres musikalisches Ausdrucksspektrum als ein mechanisches Glockenspiel, sagt Ulrich Seidel, 1. Vorsitzender der Deutschen Glockenspielvereinigung. "Das Carillonspielen ist eine Ausbildung, die man auch mit Diplom abschließen kann, vergleichbar mit einem Konzertorganisten oder Konzertpianisten", erklärt Seidel. Ein Carillon sei ein vollwertiges Musikinstrument, mit dem sich auch Orchesterstücke spielen ließen.

42 Carillons gibt es heute in Deutschland

Für das klanglich eingeschränkte Glockenspiel muss Thomas die Musikstücke umschreiben. Ob Beethovens "Ode an die Freude", Stücke von Joseph Haydn oder Wolfgang Amadeus Mozart - die Partituren müssen vereinfacht werden. Bis jetzt habe er 45 verschiedene Programme für Glockenspielmusiken geschrieben, und allein für das Lingener Glockenspiel rund 800 Notensätze verfasst.

42 Carillons gibt es laut Glockenspielvereinigung heute in Deutschland, die Zahl der einfacheren Glockenspiele kennt keiner. In früheren Jahren waren Carillons weit verbreitet und erklangen von Kirchen oder Schlössern. Der Erste und der Zweite Weltkrieg brachten das Aus: In Kriegszeiten waren die Glocken wertvolle Rohstoff- und Devisenbringer. Am Ende des Zweiten Weltkriegs habe es in ganz Deutschland nur noch zwei Carillons gegeben, im sächsischen Lößnitz und in Hamburg, erzählt Seidel. Damit war die Tradition und die Kultur des Glockenspiels 1945 in Deutschland erst einmal passé. Aber das Beispiel Lingens zeigt, dass vielerorts die Menschen doch den Wunsch hatten, wieder Glockenspiele zu hören.

Im Turm vom historischen Rathaus ist das von den Kivelingen gestiftete Glockenspiel untergebracht. 20 Glocken und ein Figurenspiel gehören dazu. Foto: dpaGentschIm Turm vom historischen Rathaus ist das von den Kivelingen gestiftete Glockenspiel untergebracht. 20 Glocken und ein Figurenspiel gehören dazu. Foto: dpa/Gentsch

Auch für Thomas macht es einen besonderen Reiz aus, live zu spielen. So lässt er beispielsweise an bestimmten Markttagen die 20 Glocken erklingen oder bietet zu bestimmten Anlässen eine Morgenmusik. Mit der modernen Digitaltechnik sei es sogar möglich, nach draußen zu gehen und mit dem Keyboard vom Marktplatz aus mit dem Glockenspiel zu musizieren. Er spüre das Interesse des Publikums, wenn er live spiele.

"Ein Glockenspiel ist ein kulturelles Highlight", sagt Seidel. "Es setzt einen musikalischen Akzent." Die Menschen hören ein Glockenspiel mitten in der Stadt, während der Arbeit, des Einkaufens oder des Flanierens, halten einen Moment inne und erfreuen sich an der Musik. Die alte Kulturtradition kann jedem einen kostenlosen ästhetischen Genuss bieten, ohne in einen Konzertsaal gehen oder ein Abspielgerät besitzen zu müssen.

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