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Schnauzbart-Horst, Schlafauge und die Kanten

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Im Pandemiealltag hilft manchmal nur Fernsehen. Mit Horst Lichter. Wenn einen dann die Frau wieder ins echte Leben zurückholt, wohlgemerkt.

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"Die Kanten haben etwas gelitten", säuselte die Dame im Fernsehen. Ich musste wohl auf dem Sofa weggeduselt sein, denn der Sendekanal, der mich vorher so informativ über die handelsüblichen Inzidenzzahlen und die näher rückenden Einschläge der Impfdosen in meiner Alterskohorte aufgeklärt hatte, war abgedriftet zu Schnauzbart-Horst. Eine Expertin begutachtete einen beneidenswert hässlichen Ring, der im Raritätenkabinett doch eine beachtliche Summe Bares erbringen sollte.

Langsam wurde es in meinem Oberstübchen etwas lichter. Ich beschloss, der Aufführung dieses Kabinettstückchens zu folgen. Ohnehin begann gerade die träge Tagesphase, in der die hektischen Überlegungen, in welches geschlossene örtliche Café oder weiterhin verbarrikadierte Restaurant man zu freieren Zeiten hätte gehen können, abgelöst wird durch die dumpfe Einsicht, immer noch der Gefangene einer Pandemie zu sein. Und der eines öffentlich-rechtlichen Fernsehwesens, das die voreingestellte Einfallslosigkeit immer wieder aufs Neue reproduziert.

Horst dirigiert sie fröhlich durch das Labyrinth der Experten und Händler

Wobei wir unserem Schnauzbart nicht absprechen dürfen, dass er in seiner Sendung immerhin mit echten Menschen performt. Die sieht man nur einmal – abgesehen von den zahllosen Wiederholungen –, und sie spielen sich selbst. Omma und Enkeltochter, die irgendwelche Schnörkellampen vom Dachboden entstaubt haben, Heinz-Dieter mit den original Meißener Porzellumpen, die leider etwas angedetscht sind, oder Moni mit der Blecheisenbahn von Opa Clemens, mit der der schon vor 75 Jahren berüchtigte Zugunglücke nachgespielt hatte. Wie gesagt, die Kanten leiden.

Horst mag sie alle. Und er dirigiert sie fröhlich – auch das ist antrainierte harte Arbeit – durch das Labyrinth der Experten und Händler. Ach, man könnte sie alle knuddeln – natürlich, weil es sonst ja kaum noch jemand gibt, den man knuddeln darf. Und weil man ihnen ihre Laienrollen in diesem zum Teil inszenierten Schauspiel nur zu gern verzeiht.

"Immerhin, es gibt sie noch, die Momente der Wachheit, in denen man in das wahre Leben zurückkehrt."Andreas Kathe, Journalist

Ansonsten jeden Tag das gleiche Spiel. Es ist wie auf dem Fußballplatz. Die Akteure in den Krimisendungen oder Arztserien sind immer dieselben, wechseln nur hin und wieder die Seiten: Wenn Schauspieler Kalli Schlafauge im Krimi aus Buxtehude – der allerdings zu 90 Prozent in den Fernsehstudios in Magdeburg gedreht wird – den Kommissar gibt, ist er Stunden später der Bösewicht, der die arme Jenny Trübsal vom Loreley-Felsen in den trüben Rhein stürzt. Wobei ich nicht weiß, ob man da unten auch wirklich sauber ankommt.

Trübsal ermittelt dann – kaum auferstanden – plötzlich im Team von Staatsanwalt Gottlieb, der seinerseits in der vorhergehenden Serie von Schlafauge als Drogenhändler enttarnt und eingebuchtet wurde. Da man nun mal, dauerpandemieberieselt geschwächt, keine Chance hat, diesem Bäumchen-wechsel-dich zu entkommen, lautet unser abendliches Ratespiel: "Wer ist wohl der Mörder?" Wir liegen selten daneben – Schlafauge sei Dank.

Immerhin, es gibt sie noch, die Momente der Wachheit, in denen man in das wahre Leben zurückkehrt. "Wollen wir mal Karten spielen?", säuselt die beste Ehefrau von allen. Der leicht Weggeduselte erhebt sich vom Sofa, greift in die Schrankschublade und entblättert das schon alte Rommé-Spiel. "Oh", heißt es da: "die Kanten haben etwas gelitten."


Zur Person

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage.
  • Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@ov-online.de

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