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Profi-Trompeter spielt nur die Premiere

Für Rafael Rötzer und seine Kollegen vom Oldenburgischen Staatstheater war nach der ersten Vorstellung von der  "Spanischen Stunde" wieder Schluss.

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Seit 1995 im Staatsorchester, seit 1996 Dirigent des Thüler Musikvereins: Rafael Rötzer. Foto: Claudia Wimberg

Seit 1995 im Staatsorchester, seit 1996 Dirigent des Thüler Musikvereins: Rafael Rötzer. Foto: Claudia Wimberg

Ravels „Spanische Stunde“ dauerte nur einen Abend. Nach der Premiere senkte sich der Vorhang wieder und bleibt nun aufgrund des erneuten Lockdowns vorerst geschlossen. "Enttäuscht", beschreibt Rafael Rötzer die Stimmung unter seinen Kollegen am Oldenburgischen Staatstheater. "Aber wir haben natürlich Verständnis für die Maßnahmen und hoffen darauf, im Dezember möglichst viele geplante Vorstellungen für Kinder und Familien stattfinden zu lassen", berichtet der Berufsmusiker über die jüngste Mitarbeiterversammlung mit Intendant Christian Firmbach.

Rafael Rötzer verstärkt seit 1995 das Staatsorchester als Trompeter und ist seit 1996 Dirigent und Ausbilder des Musikvereins Thüle. Ein harmonischer Ausgleich zum Beruf. Doch da Kultur und Corona nicht im Einklang stehen, "bewegen wir uns  seit März zwischen jeder Menge Veränderung und Verzicht", erklärt der gebürtige Schwarzwälder, der in Düsseldorf studierte und Schüler vom renommierten Trompeter und Hochschullehrer Reinhold Friedrich in Karlsruhe war.

Fitnesspflege auch am Instrument gefragt

Der erste Lockdown sei schon speziell gewesen, "weil ja wirklich nichts anstand", erinnert sich der Familienvater. Um Defiziten vorzubeugen, "ist allerdings ebenso wie bei Sportlern Fitnesspflege erforderlich", verrät der Musiker lächelnd, der sein Instrument somit nicht links liegen ließ, sondern regelmäßig spielte. "Tatsächlich auch mal ganz andere Sachen, für die man sonst keine Zeit hat", kann Rötzer der Krise auch etwas Positives abgewinnen. Und während er und seine 68 musikalischen Mitstreiter sich im Home-office kreativ zeigten und in privaten Videos auch öffentlich präsentierten, wurde im Theater an einem ausgefeilten Hygienekonzept gefeilt. "Super aufgestellt", lobt der Oldenburger die ausgetüftelten Regeln für alle Bereiche. Erfahrungswerte inbegriffen. "Zu Anfang der Pandemie galten wir Trompeter ja noch als Virenschleudern schlechthin und wurden mit sechs Metern Abstand vermessen", so Rötzer augenzwinkernd. Mittlerweile sei das jedoch widerlegt und es seien vielmehr die Flöten, über deren offene Mundstücke sich die meisten Aerosole im Raum verteilten. Wie auch immer: Boxen mit durchsichtigen Stellwänden und Fensterfolie, in denen die Blechbläser sitzen, bieten größtmöglichen Schutz.

Die Streicher sitzen weit auseinander. Ohnehin besetzen nur noch 25 bis 30 Musiker den Orchestergraben, der große Chor kann nicht auftreten. "Somit fallen die großen Verdi-Opern weg und wir haben viele Konzerte für Kleinbesetzungen gespielt", erzählt der Profimusiker.

Nicht ohne Stolz verweist er auf die Vorreiter-Rolle seines Arbeitgebers. So habe das Oldenburger Hygienekonzept Interesse geweckt und die Ausrüstung der heimischen Theaterwerkstatt wurde beispielsweise nach Hannover als Vorbild für die dortige Umsetzung chauffiert.

Freunden in der Jazzszene "geht es dreckig"

Gute Nachrichten auch für die eigene Existenz: Da die Kurzarbeit mit einer umfänglichen Aufstockung verbunden ist, "müssen wir uns als Mitarbeiter eines Staatstheaters finanziell keine Sorgen machen", sagt Rötzer, der jedoch viele Freunde und Bekannte beispielsweise in der Jazzszene hat, "denen es richtig dreckig geht".

Nach anfänglichem Zögern habe das Staatstheater seit September rund 11.000 Besucher verzeichnet. Das gesamte Team sei trotz Corona hoch engagiert und motiviert. Das gemeinsame Musizieren fehlt dem Trompeter neben dem Publikum und der besonderen Atmosphäre natürlich besonders. Und sobald wieder etwas stattfinden und laufen kann, "hängen wir uns alle komplett rein für das, was geht. Wir wollen unsere Besucher gut unterhalten und ihnen einen schönen Abend bereiten. In der Krise erst recht".

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