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#Overtourism - Selbst der Urlaub hat seine Unschuld verloren

Kolumne: Irgendwas mit # - Was bedeutet es, wenn wir die Perlen der Natur zu reinen Urlaubsressorts machen? Und wie gehen die Einheimischen damit um?

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Mallorca, ostfriesische Inseln, Venedig, deutsche Ostseeküste - viele Orte, ein Problem: Overtourism - zu viel Fremdenverkehr. Wie es sich anfühlt, wenn zu viele Urlauber einen Ort bevölkern, habe ich jetzt wieder erlebt, am Tegernsee.

Den ursprünglich kleinen Gemeinden am Tegernsee ist förmlich anzusehen, wie sie aus den Nähten platzen. Die deutsche High Society hat sich hier niedergelassen. Schon markieren nur noch gelbe Schilder den Übergang von einer Gemeinde in die nächste. Neue Häuser sind Zeugen des stetigen Wachstums und des anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs - doch zu wessen Gunsten?

Diese Frage stellt sich an vielen Orten, die in den Jahrzehnten nach Kriegsende zu geliebten Sehnsuchtsorten für Millionen von Menschen geworden sind. Ich selbst habe den Wandel der ostfriesischen Insel Juist mit eigenen Augen beobachten können, lange fuhren wir jährlich dorthin, als ich noch klein war.

Doch nach und nach verschwanden inhabergeführte Pensionen, in denen Gäste mit Frühstück und Abendessen versorgt wurden. Wenn die Inhaber sich zur Ruhe setzten, wurde das Haus an den Meistbietenden verkauft - gerne einen Anwalt oder Arzt aus Nordrhein-Westfalen. Diese ließen dort Ferienwohnungen bauen.

Aus bewohnten Häusern wurden Anlageobjekte. Im Winter kann man das heute auf vielen ostfriesischen Inseln sehen: Die Gebäude stehen leer, die Lichter bleiben aus; die Orte sind, mit Blick auf ihre eigentliche Bevölkerung, völlig überdimensioniert. Dafür wurde überbaut, Flächen versiegelt.

"Wir leben irgendwo und verwandeln die Perlen unseres Landes – an den Küsten und Bergen – zu reinen Urlaubsressorts. Ist das nicht besonders effektiv, zumal es die Nachfrage ja gibt?"Philipp Ebert, Volontär

Und andere Wirtschaftsformen als der Tourismus mit seinen Zulieferdiensten können auf den deutschen Inseln, aber auch an vielen anderen Lieblingsorten nicht mehr stattfinden, weil ihre Erträge kaum die durch den Tourismus in unerreichbare Höhen getriebenen Kosten refinanzieren können.

Soziologisch könnte man die Umwandlung von echten Wohnorten in fast reine Urlaubsgebiete als funktionale Differenzierung von Orten bezeichnen. Anders gesagt: Die Arbeitsteilung, die unser Wirtschaften seit Jahrhunderten in zunehmendem Maße prägt, zieht auch bei Orten ein. Wir leben irgendwo und verwandeln die Perlen unseres Landes - an den Küsten und Bergen - zu reinen Urlaubsressorts. Ist das nicht besonders effektiv, zumal es die Nachfrage ja gibt?

Möglicherweise. Doch dabei geht auch viel verloren. Menschen büßen ihr Zuhause ein, wenn etwa Inselkinder sich ein Leben auf dem heimischen Eiland nicht mehr leisten können. Ein Recht auf Heimat, das gibt es im juristischen Sinne nicht. Aber sollte es diesen Anspruch vielleicht geben? Oder wollen wir in Venedig und auf Mallorca, in den Alpen und auf Rügen erlauben, dass traditionelle Orte einer reinen Marktlogik unterworfen und an Meistbietende ausverkauft werden?

In ähnlicher Form stellt sich diese Frage natürlich auch für "normale" Wohnorte wie Großstädte - aber auch mit Blick auf manche unserer Kommunen im Landkreis Vechta. Regelt der Markt wirklich alles? Die Antwort ist: Vielleicht. Aber sind wir mit dem Resultat dann auch zufrieden? Eine unbequeme Einsicht: Auch unser Urlaubsverhalten ist ein Statement in dieser Debatte.

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