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Nicht Lob, nicht Furcht soll uns bewegen

Landtagspräsident Busemann: Der Mut, den Kardinal Graf von Galen bewies, ist Vorbild für heutige Politiker.

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Der Selige Clemens August Kardinal von Galen gehört vor allem zu den großen Glaubenszeugen, die sich den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts entgegengestellt haben. Daneben war der „Löwe von Münster“ aber auch ein eminent politischer Mensch. Er hat seinen Kampf gegen die Nationalsozialisten nicht nur für die Kirche und ihre Institutionen geführt. Um seine eigenen Worte zu gebrauchen: Sein Glaubenszeugnis sollte nicht nur „die treuen Kinder der Kirche ansprechen, sondern auch […] die christusgläubigen Protestanten, aber schließlich alle rechtschaffenen und normal denkenden deutschen Volksgenossen.“

Sie alle wollte er ansprechen, um sie für den Wert der Menschenwürde, „für die Rückkehr zu christlichen Grundsätzen und der Anerkennung einer der Menschenwillkür entrückten Sittlichkeit und Rechtsordnung“ zu gewinnen. Das ist ihm vielleicht besser gelungen als anderen Widerstandskämpfern. Sein Mut und seine Glaubenstreue ließen ihn die deutschen Verbrechen beim Namen nennen und sie mitten im Krieg vor aller Welt anprangern. Sein größter Erfolg war das Ende der Euthanasiemorde. Darüber hinaus hat er aber im deutschen Volk und in seinen Nachbarn das Bewusstsein dafür erhalten, dass es auch das „Andere Deutschland“ gab.

Nicht ohne Grund warfen die Briten seine Predigten als Flugblätter über dem Feindesland ab. Nicht ohne Grund kondolierten die deutschen Juden zum Tode „eines der wenigen pflichtbewussten Männer, die in schwerer Zeit den Kampf gegen den Rassenwahn geführt haben.“

Der Mut zum Kreuz, den Kardinal Graf von Galen bewiesen hat, ist nicht nur ein Vorbild der katholischen Glaubenstreue, sondern auch der politischen Haltung. Es war die Haltung christlich geprägter Gegner der NS-Diktatur auf katholischer und auf evangelischer Seite.

Es war nicht zuletzt diese Erfahrung, die 1945 die Gründung der Christlich-demokratischen Union ermöglicht hat. Ihr Kerngedanke war und ist die gemeinsame Überzeugung konservativer, liberaler und sozialer Christen, dass alles staatliche Handeln seine Grenze in der Menschenwürde, im Lebens- und Freiheitsrecht jedes Einzelnen findet.

Seit einem Jahr wird die politische Debatte von einem Thema, der Flüchtlingskrise, bestimmt. Sie fordert von uns zu allererst, dass wir jeden, der zu uns kommt, anständig behandeln, unabhängig davon, ob sich für den einzelnen Flüchtling eine Bleibeperspektive ergibt oder nicht. Für uns Christen kommt die Verpflichtung hinzu, in jedem Flüchtling den Nächsten zu sehen. Daraus kann für politisch Verantwortliche ein Spannungsfeld entstehen: Was man als Privatperson im Einzelfall für moralisch und theologisch geboten halten kann, ist nicht immer auf die praktische Politik anwendbar.

Vor diesem Dilemma steht die Bundeskanzlerin; stehen alle Politiker Deutschlands und Europas, die ihr Christsein ernst nehmen: Es gab keine wünschenswerte Alternative zu der Einreiseerlaubnis für die Flüchtlinge, die im letzten Jahr auf der Balkanroute gestrandet waren. Gleichzeitig war von Anfang an klar: Die Zahl der Zuwanderer muss reduziert werden, weil auch die Aufnahmefähigkeit des reichsten und stabilsten Landes in Europa nicht unbegrenzt ist.

Auf dieses Dilemma gibt es keine einfachen und schnellen Antworten. Eine Folge davon sind die Wahlergebnisse der Landtagswahlen vom März. Erschreckend viele Wähler haben ihr Kreuz bei einer Partei gesetzt, die sich im Besitz einfacher Wahrheiten und einfacher Lösungen glaubt. Die radikale Vereinfachung komplexer politischer Probleme steht am Anfang jeder menschenfeindlichen Massenbewegung. Deshalb gilt es ihr bei jeder Gelegenheit entschieden entgegenzutreten. Auch das ist „Mut zum Kreuz“.

Dieses Bekenntnis wäre unvollständig ohne die Ergänzung, was das „Kreuz in der Politik“ in meinen Augen nicht ist. Politik aus christlicher Verantwortung kann nicht der Versuch sein, kirchliche Lehren, christliche Lebensführung oder gar den Inhalt der Katechismen im Detail auf die Gesetzgebung und die politische Willensbildung zu übertragen. Ein klerikaler Staat, eine Theokratie welcher Art auch immer, ist mit der freiheitlichen Demokratie in einer pluralistischen, aufgeklärten Gesellschaft nicht vereinbar und auch für die Kirche nicht wünschenswert.

Ich bin überzeugt, dass im Zeitalter der Globalisierung einzig der freiheitliche, pluralistische und weltanschaulich neutrale Staat die Voraussetzungen für die Kirche und ihre Glieder bietet, sich frei zu entfalten und getreu ihren Lehren zu leben. Wer das möchte, muss politisch eine liberale Haltung einnehmen. Das meine ich nicht auf eine politische Partei bezogen, sondern auf die Haltung, die wir gegenüber anderen Lebensentwürfen, anderen Religionen, Weltanschauungen oder auch Familienbildern einnehmen.

Zurzeit versucht dieselbe Partei, die sich gegen eine humane Flüchtlingspolitik stellt, konservative Christen für sich zu gewinnen. Sie stehen vielen Entwicklungen in der Gesellschaft der letzten Jahrzehnte skeptisch oder ablehnend gegenüber. Dazu erweckt die genannte Partei den Eindruck, man könne eine Mehrheit dafür gewinnen, einen Lebensentwurf, eine Weltanschauung, eine Form des Patriotismus zur allgemein verbindlichen Norm für alle Deutschen zu machen. Das ist keine christliche Politik, das ist im Kern der Versuch eines autoritären Umsturzes.

Wenn nämlich eine Form des Zusammenlebens bevorzugt oder sogar zur Norm gemacht wird, dann geht das auch mit jeder anderen Form. Deshalb öffnet jeder Versuch, den eigenen Lebensentwurf für verbindlich zu erklären, das Tor zu Unfreiheit und Unterdrückung. Auch die „Volksgemeinschaft“ der Nationalsozialisten war das Ergebnis eines solchen Wunsches nach allgemein gültigen Normen für alle Lebensbereiche.

Um ihre eigene Freiheit zu wahren, muss gerade die Kirche, müssen in meinen Augen gerade christliche Politiker besonders leidenschaftlich für Toleranz und Pluralität werben und einstehen.

Wie ich finde, gibt die Bundeskanzlerin davon zurzeit ein Beispiel, denn sie lässt sich mit ihrer ganzen Person auf eine solche Bewährungsprobe ein. Ihrer klaren Haltung könnte man dasselbe Motto zuschreiben, das Kardinal von Galen bei seiner Bischofsweihe gewählt hat: „Nec laudibus, nec timor – Nicht Menschenlob, nicht Furcht soll uns bewegen.“

  • Info: Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, den Bernd Busemann am 16. März 2016 bei der Auftaktveranstaltung „Mut zum Kreuz“ auf Burg Dinklage gehalten hat.

Fakten

  • Am 8. August: Ferdinand Starmann, Neuenkirchen
  • „Mut zum Kreuz!“ ist ein Projekt der Kardinal-von-Galen Stiftung Burg Dinklage, der OV und der Münsterländischen Tageszeitung in Cloppenburg.
  • Anlass für das Projekt sind der 70. Todestag des Seligen Clemens August Kardinal von Galen im März 2016 und die Rückschau auf den Kreuzkampf im Oldenburger Münsterland vor 80 Jahren.
  • Der 1878 auf Burg Dinklage geborene Kardinal predigte gegen die Euthanasie-Morde der Nazis. Im Kreuzkampf protestierten 1936 Südoldenburger öffentlich und mit Erfolg gegen die von den Nazis angeordnete Entfernung der Kreuze aus katholischen Konfessionsschulen.
  • Ab dem 18. September findet eine Ausstellung auf Burg Dinklage statt.
  • Im November erscheint ein Buch zum Thema.
  • „Mut zum Kreuz!“ wird unterstützt von der LzO und der CEWE-Gruppe in Oldenburg.

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