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Nachwuchsmangel: Nach 183 Jahren droht dem "Liederkranz" das Aus

Das Durchschnittsalter des Cloppenburger Chores liegt bei 75 Jahren. Zuletzt trat ein Sänger vor acht Jahren dem Verein bei, 21 sind es insgesamt noch. Wie kann der Chor neue Mitglieder gewinnen?

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Sorgen sich um die Zukunft der Chöre: Dr. Dietmar Raczek (links), Vorstandssprecher des Liederkranzes, und Heinrich Schrandt, Vorsitzender des Sängerbundes.   Foto: Niemeyer

Sorgen sich um die Zukunft der Chöre: Dr. Dietmar Raczek (links), Vorstandssprecher des Liederkranzes, und Heinrich Schrandt, Vorsitzender des Sängerbundes.   Foto: Niemeyer

Früher war es etwas Besonderes, Mitglied in einem Chor zu sein. Nicht jeder hatte Zutritt in die "elitäre Klasse" der Sänger, wie Heinrich Schrandt, Vorsitzender des Sängerbundes Heimattreu Cloppenburg, erklärt. Viele Interessierte kamen auf einen freien Platz. Die Mitglieder mussten nicht nur singen können, sie durften zum Beispiel auch nicht geschieden sein. Das Singen war Tradition in den Familien: Im Chor des Vaters sang später auch der Sohn.

Heute haben viele Chöre Probleme, neue Mitglieder zu gewinnen. So zum Beispiel der Männerchor "Liederkranz" aus Cloppenburg. Seit 183 Jahren besteht der Verein, 21 Männer singen noch, das Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei 75 Jahren. Zuletzt trat vor acht Jahren ein neuer Sänger ein. "Wir sind noch singfähig", fasst Vorstandssprecher Dr. Dietmar Raczek die prekäre Lage zusammen. Schon bald könnte der Liederkranz Cloppenburg nicht mehr existieren. Das wäre ein großer Verlust für die Kirche, die Stadt – und auch für ihn selbst, sagt Raczek.

Negatives Image aufpolieren

Der gelernte Allgemeinmediziner singt seit 39 Jahren im Liederkranz. Entdeckt wurde er auf dem Cityfest: Der Liederkranz trat dort auf, Raczek sang aus dem Publikum heraus mit und wurde prompt vom Chorleiter angesprochen. Im Chor singt Raczek sich auch den Stress von der Seele. "Wenn ich zehn Minuten singe, fällt alles von mir ab", sagt er. Der Arzt hat eigens eine Liste mit den "positiven Seiten des Singens" erstellt. Darin heißt es zum Beispiel: Singen baut Stress ab, Singen verbessert die Atmung, Singen stärkt das Immunsystem und Singen macht glücklich.

Und doch fehlen die Mitglieder. Das liege am negativen Image, der heute am Chorsingen hafte, vermutet Raczek. Chöre würden als nicht mehr zeitgemäß angesehen, als zu traditionell und antiquiert, als nicht männlich. Zudem sei das Singen nicht mehr so präsent in den Familien, Gemeinschaften und Schulen. Was also tun? Es gilt, das Image in der Bevölkerung aufzupolieren. So sängen die Chöre heute meist moderne Lieder, was viele gar nicht wissen, sagt Raczek.

Angst hemmt viele Interessierte

Schrandt und Raczek hoffen außerdem, dass die Corona-Lage sich schon bald entspannt und endlich wieder die jährlichen Sängerfeste des Sängerbundes stattfinden können. Unter dem Dach des Sängerbundes Heimattreu sind etwa die Hälfte der Chöre aus dem südlichen Landkreis Cloppenburg organisiert, erklärt Heinrich Schrandt. Traditionell treffen sich die 1000 Sänger des Sängerbundes jährlich auf dem Sängerfest. Doch auch in diesem Jahr muss das Fest wegen Corona ausfallen. Dabei seien solche Feste eine gute Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen und neue Mitglieder zu gewinnen. 

Zudem müsse man heute vielen Interessierten die Angst nehmen. Die Chöre müssten aktiv auf sie zugehen und sie anwerben. Denn viele trauen sich gar nicht erst, auf einen Chor zuzugehen, weil sie denken, sie können nicht gut genug singen, sagt Heinrich Schrandt vom Sängerbund. Dabei sei es ganz normal, dass es in einem Chor sehr gute und weniger gute Sänger gibt. Niemand brauche Angst haben. Dazu passt ein weiterer Punkt auf Raczeks Positivliste: "Singen kann man lernen."

  • Info: Der Liederkranz will sich nach Ostern (ab dem 25. April) wieder jeden Montag um 19.30 Uhr im Traditionshaus Taphorn in Cloppenburg treffen. Interessierte sind eingeladen, vorbeizuschauen.

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