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Nachbarn helfen jüdischer Frau im Straflager

Hermann Pölking-Eiken und die Heimat. 40 Porträts, 40 Gedanken zur Heimat, das ist die Idee der OV-Serie Heimat.Los.

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Heimat ist für mich exemplarisch eine kleine Geschichte: Der damals 39-jährige Soldat Aloys Beuse aus Lohne-Moorkamp traf – so berichten es die „Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta“ aus dem Jahr 1974 – in Minsk Ende 1943/Anfang 1944 eine junge jüdische Frau aus Vechta. Wahrscheinlich sah er sie am Stacheldrahtzaun des Ghettos stehen. Es kann sich dabei nur um Elisabeth „Lisa“ Gerson gehandelt haben, Jahrgang 1913, vielleicht auch um ihre jüngere Schwester Jutta, Jahrgang 1928, zwei der drei Töchter des Viehhändlers Emanuel Gerson, wohnhaft Klingenhagen. Verschleppt zur Zwangsarbeit.

Die junge Frau erzählte Beuse von den unmenschlichen Lebensverhältnissen im Lager und erwähnte, dass auch ihre Schwester dort sei. Sie bat um etwas Essen. Der Lohner Soldat steckte ihr nun gelegentlich etwas von seiner eigenen nicht reichlichen Ration zu. Er schrieb darüber auch nach Hause. Als eine frühere Nachbarin der Familie Gerson vom Klingenhagen davon hörte, ließ sie dem Lohner Soldaten mit der Feldpost kleine Schmuckstücke und ähnliches zukommen, damit er diese bei den Einheimischen gegen zusätzliches Essen eintauschen könne. Beuse brachte der jüdischen Frau mehrfach Nahrungsmittel, bis man ihm eines Tages sagte, dass sie nicht mehr da sei. Die Spur der beiden Gerson-Töchter verliert sich in Minsk. Aloys Beuse wird bei den schweren Kämpfen um Minsk im Juli 1944 gefallen sein. Er gilt seit dem 21. Juli als vermisst.

Mancher nimmt ein kleines, mancher ein großes Stück „Heimat“ mit, wenn er die Heimat verlässt. Nachbarschaft, der Zufall der Geographie, der Vorrat an geteilten Eindrücken und Erfahrungen, schaffen eine Gemeinsamkeit, die wohl immer zu menschlicher Empathie führt. Der Soldat aus Lohne, der half und der Heimat vom Schicksal der Jüdin aus Vechta berichtete, die Nachbarin vom Klingenhagen, die – im wahrsten Sinne des Wortes aus Nächstenliebe – ihren Schmuck in Essen verwandelte, lebten diese nachbarschaftliche Empathie. Sie taten nicht viel, aber etwas.

  • Das Projekt Heimat.Los der Oldenburgischen Volkszeitung und der Katholischen Akademie Stapelfeld wird von den Volksbanken, den HGVs Vechta/Damme und der Firma Cewe unterstützt.

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