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Musikfest: Junger Litauer spielt Akkordeon wie ein ganzes Orchester

Martynas Levickis (31) wandert auf den Tasten zwischen den Klangwelten: Feine Vogelstimmen aus den Wäldern seiner Heimat und Bach nach Noten beherrscht er gleichermaßen. Eine faszinierendes Konzert.

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Komödiantisch verträumt: Martynas Levickis aus Litauen auf der Diele des Hoffmannshofs in Cloppenburg. Foto: Kreke

Komödiantisch verträumt: Martynas Levickis aus Litauen auf der Diele des Hoffmannshofs in Cloppenburg. Foto: Kreke

Es brauchte das Bremer Musikfest, um in Cloppenburg zum ersten Mal die andere, professionelle  Seite eines weithin unterschätzen Instruments zu präsentieren: Fernab von Schunkel-Shantys und Fahrtenliedern taugt das Akkordeon als Ersatz für ein ganzes klassisches Orchester und sprengt Genre-Grenzen, wenn Martynas Levickis (31) auf diesen Tasten und Knöpfen träumt.

Mit geschlossenen Augen, ohne Blick auf das Noten-Tablet rechts neben sich, versank der junge Litauer am Samstagabend im Hoffmannshof des Museumsdorfs in Minimal-Musik, Tango Nuevo und Volksliedern seiner Heimat, die er schon als 3-Jähriger auf dem Instrument probte. Nur für die Französische Suite Nr. 5 von Johann Sebastian Bach und das eigentlich für Cembalo komponierte "Vertigo" von Joseph-Nicolas-Pancrace Royer orientiert sich Levickis gelegentlich an der Partitur. Denn sein überragendes Talent ist eine freie, frische, oft rhythmisch schwungvoll betonte, aber auch virtuos melodische Interpretation, egal in welcher Epoche und in welchem Genre sich der Absolvent der Londoner Royal Academy of Music gerade bewegt.

Schon die Piano Etude No. 6 von Philipp Glass verwandelt Levickis  aus einem einfachen  Grundmuster (einem aufsteigenden Motiv folgt eine absteigende "Antwort") in ein "Variationsmeer", das dem scheinbar so  mathematischen Modul-Aufbau von Minimal Music jede Algebra-Empfindung von Starrheit austreibt. Aber das ist quasi nur eine Fingerübung für den Litauer, der sich  an der kalten Feuerstelle auf der Diele gerade erst warmspielt.

In der Französischen Suite treibt er den höfischen Tanzfiguren trotz der Verspieltheit ihre  Geziertheit aus, um schon im nächsten Satz wie ein schwermütiger Wanderer durch ein nebelverhangenes Tal (oder ein ebensolches Freilichtmuseum) zu schreiten. Es sind diese Bilder, die Levickis individuell erfahrbar erschafft, die das Publikum faszinieren, etwa, wenn er in seinem Arrangement litauischer Volkslieder plötzlich ganz zart eine Vogelstimme imitiert, um dann wieder suchend beschwörend "aufzubrechen".

Virtuose liebt Dynamik und Überraschungsmoment

Der Litauer, der mit 20 den "Got-Talent"-TV-Contest in seiner Heimat gewann, liebt diese Dynamik, dieses Überraschungsmoment: Das ist seiner ganzen Mimik und Gestik anzusehen, die komödiantisch seine Interpretationen unterstreicht. So wie in Royers "Vertigo", das nicht zufällig an das Sommergewitter in Vivaldis "Vier Jahreszeiten" erinnert: Grollende Bassbetonte Akkorde, helle "Stimmgirlanden" darüber, als ob die Vögel fliehen: Lautmalerisch und grandios.

Das große Gefühl breitet Levickis in Astors Piazollas Nuevo Tango aus:  Die melancholischen Seufzer lässt der Künstler im Vibrato zittern, indem sein Handrücken gegen den Gurt pulsiert. Mit seiner Zugabe löst der Künstler am Ende die Traurigkeit in Humor auf, wenn er einen Tango mit Motiven wie aus dem "Phantom der Oper" ironisch vermählt: Ein clowneskes Schlussstück zum Schmunzeln.

Karten begehrt und knapp: Bremer buchten flotter

4 solcher "Perlen" der zeitgenössischen Musik, die auf klassischer Ausbildung beruhend alle Freiheiten und Genres umschließt, präsentierte das Musikfest am Wochenende in der "Musikalischen Landpartie". Nicht alle Cloppenburger, die sich dafür interessierten, kamen zum Zug. Angeblich irrtümlich meldeten einzelne Vorverkaufsstellen schon den Ausverkauf, als noch Restkarten zu haben waren, wie das Management auf Nachfrage betonte. Wie auch immer: Als die Werbung in Cloppenburg begann, hatten viele Bremer schon den Bus ins Museumsdorf gebucht: Sie bildeten das Gros des Publikums. Ein erfahrener Dauergast des Musikfestes empfahl, den Newsletter zu abonnieren: "Wenn der morgens ankommt, buche ich abends", berichtete der Pensionär aus Bremen am Rande des Konzerts: "Sonst wird es knapp."

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