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#MehralsMeer – Von der Weltformel und einer Grube

Kolumne: Irgendwas mit # – Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" ist ein ethischer Meilenstein der Literatur. Doch unser Verstand hat auch Grenzen. Zwischen Theorie und Wirklichkeit.

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Zur Weltformel gibt es viele Geschichten. Die berühmteste dürfte Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" sein. Berühmt-berüchtigt durch den ethisch-moralischen Touch.

Die Sache mit der Verantwortung hat im Land der Dichter und Denker schon immer Stellenwert. Die literarischen Gedankenspiele sind gleichzeitig reichlich verkopft und pedantisch. Und finden in dieser Form auch Gehör im Alltag. Denke man nur an das Laub, das der Nachbar nicht ordnungsgemäß von seinem an den Gehweg grenzenden Baum auf die Straße hat fallen lassen. Unwirsch, wer nicht empört ist.

Sofern solche Anekdoten nur der nette Nachbarstreit von nebenan bleiben, sind wir auf der sicheren Seite. Wobei: Der erste Schritt in Richtung Wahnsinn ist meist nur ein ganz kleiner.

Dabei ist es unwichtig, ob die Erzählung Legenden-Charakter hat – oder wirklich ist. Selbst bei historisch trächtigen Persönlichkeiten wie Aristoteles, dem Begründer der modernen Logik. Wie es sich nach Sadhgurus Worten in der Mär zugetragen haben soll, ging er eines Abends am Strand spazieren. Vor ihm breitete sich ein prächtiger Sonnenuntergang aus. Doch für einen derart banalen Vorgang hatte er keine Zeit. Er hatte Besseres zu tun: über irgendein großes existenzielles Problem nachdenken. Denn: Für den intellektuellen Geist ist die Existenz immer ein Problem. Tja, und dieser Aristoteles war darauf aus, es zu lösen.

"Und wenn es sich um ein Gesicht handelt, das nicht lächelt, bemüht derjenige sich nicht, es zum Lächeln zu bringen; solche kleinen Pflichten hat ein großer Geist auf der Welt nicht. Er ist zu sehr damit beschäftigt, die großen Rätsel der Existenz zu lösen."Max Meyer, Redakteur

Am selben Strand befand sich ein weiterer Mann. Auch er befasste sich ganz intensiv mit etwas. So intensiv, dass selbst Aristoteles ihn nach einer Weile bemerkte.

Kurzer Einwurf: Wer in seiner eigenen psychischen Realität versunken ist, ignoriert normalerweise das Leben um sich herum. Nur selten hat ein solcher Mensch einen Blick für die Blumen, den Sonnenuntergang, ein Kind oder ein lächelndes Gesicht. Und wenn es sich um ein Gesicht handelt, das nicht lächelt, bemüht derjenige sich nicht, es zum Lächeln zu bringen; solche kleinen Pflichten hat ein großer Geist auf der Welt nicht. Er ist zu sehr damit beschäftigt, die großen Rätsel der Existenz zu lösen.

Zurück zum Strand: Der besagte Mann strahlte jedoch eine derartige Intensität aus, dass selbst Aristoteles ihn nicht ignorieren konnte. Wie der Philosoph beobachtete, ging er zielstrebig immer wieder zum Meer und zurück: "Sag mal, was hast du da eigentlich im Sinn?", fragte Aristoteles. Der Mann setzte sein Tun mit grimmiger Entschlossenheit fort.

Mit einem Esslöffel das Meer einfangen...

"Was tust du denn da?", wiederholte Aristoteles. Der Mann zeigte ihm eine kleine Grube, die er im Sand gebuddelt hatte. "Ich schütte das Meer in dieses Loch." Er hatte einen Esslöffel in der Hand.

Als Aristoteles das sah, lachte er. Nun war der Philosoph einer von jenen Typen, die ein ganzes Jahr verbringen können, ohne auch nur ein einziges Mal zu schmunzeln. Man braucht Herzlichkeit, um zu lachen. Der Intellekt kann schließlich nicht lachen; er kann nur sezieren.

"So ein Quatsch!", sagte er. "Du bist wohl verrückt. Weißt du, wie groß der Ozean ist? Wie kannst du ihn da in dieses kleine Loch schütten – und dazu noch mit einem Esslöffel? Wenn du einen Eimer hättest, bestünde wenigstens eine gewisse Chance. Gib das bitte auf. Das ist völliger Wahnsinn."          
Der Mann sah Aristoteles an, warf den Löffel weg und sagte: "Meine Aufgabe ist bereits erfüllt."

Der Mann sagte: "Bitte gib das auf. Es ist völlig sinnlos"

Aristoteles schien verwirrt. Der Ozean war schließlich noch voll und das Loch war bis zum Rand gefüllt.

Der kniende Mann erhob sich. Sein Werk ist wahnsinnig. Doch was versuchte Aristoteles zu tun? Er machte sich daran, die Existenz, die eine Milliarde derartiger Ozeane enthält, in ein Loch zu schaufeln. Mit Esslöffeln, die man Gedanken nennt. "Bitte gib das auf. Es ist völlig sinnlos."

Die weisen Worte soll Heraklit gesprochen haben. Ein Mensch mit Verstand und Verantwortung. Für das große Ganze – und vor allem für sich selbst.


Zur Person:

  • Max Meyer ist Redakteur der OM Medien Gruppe.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de

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