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Lese-Glück

Kolumne: Auf ein Wort – Die Frankfurter Buchmesse hat erneut mit vielen Titeln zum Thema "Glück" aufgewartet.  Schon Augustinus, Denker der Spätantike, war diesbezüglich literarisch unterwegs.

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Auf der Frankfurter Buchmesse kann es zu Überraschungen kommen. Überraschend war eine Störaktion in der Frankfurter Paulskirche. Verliehen wurde der Friedenspreis an die Autorin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe. Unterbrochen wurde der Festakt durch die Stadtverordnete Mirrianne Mahn. Sie fiel dem Frankfurter Oberbürgermeister höflich, aber bestimmt ins Wort. Sie wollte ein Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen. Ihre Worte haben über die Feier hinaus aufhorchen lassen. Das war eine überraschende, aber keine unpassende Aktion.

Keine Überraschung ist es, dass die Buchmesse wieder mit vielen Titeln zum Thema "Glück“ aufwartet. Die psychologische Ratgeberliteratur, die Lebenshilfe-Bestseller der letzten Jahre füllen ganze Regalkilometer. Das Lebensglück ist ein großes Thema. Das ist nicht erst seit heute so. Schon der junge Augustinus hat als Denker der Spätantike ein Buch über das Glück geschrieben. In seinen späteren Lebensjahren durchforstet er einmal die gesamte Literatur, die ihm zur Verfügung steht. Dabei geht ihm als Autor auf: Ich bin nicht der einzige Anbieter. Das Christentum gibt nicht allein eine Antwort auf die Frage nach dem Glück. Seine Liste umfasst 288 verschiedene Glücksansichten.


"Das Evangelium ist eine Sehschule, die eine neue Sichtweise vermittelt."Pfarrer Dr. Marc Röbel

Wer heute die Buchgeschäfte oder die Internetangebote surft, merkt schnell: Die christliche Optik ist bei weitem nicht mehr die alles bestimmende Perspektive. Und womöglich sind wir in manchen Punkten auch zu kurzsichtig und brauchen auf einigen Lebensfeldern eine neue Brille. Das ist für die großen christlichen Kirchen im 21. Jahrhundert ein schmerzlicher Lernprozess. Das Spannende an Augustinus ist, dass er viele unterschiedliche Glückswege und Lebensdeutungen seiner Zeit aus eigener Erfahrung kannte. Er war insofern ein experimenteller Denker. Dabei kam er im Laufe seines Lebens zu der Überzeugung: Der christliche Lese-Schlüssel hat es in sich. Das Evangelium ist eine Sehschule, die eine neue Sichtweise vermittelt.

An einer Stelle meditiert Augustinus über die Anwesenheit Gottes in der Welt. Warum ist Gott so fern? Dabei geht ihm auf: Wir können zwar Gott nicht sehen – aber wir haben den Nächsten bei uns. Der andere Mensch, die Person, die mir gegenübersteht, ist ein Weg zu Gott. Diese Optik besagt für unsere Zeit: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder andere Formen der Ausgrenzung sind keine christliche Option. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann hat es in seiner Rede so ausgedrückt: "Die Würde des Menschen ist das größte Gebot unserer Verfassung.“

Ein solcher Satz wäre für Augustinus eine Überraschung gewesen: Hier hat es ein uralter biblischer und christlicher Leseschlüssel zum Leitsatz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung gebracht. Lesen kann beglückend sein.


Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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