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Krimis für das Geschichtsbuch

Kolumnist Alfons Batke ist Tatort-Kind der ersten Stunde. Er saß schon bei der ersten Folge vorm Fernseher. Der Tatort ist immer ein Spiegel seiner Zeit – darin liegt auch seine Genialität.

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Sind Sie auch schon gespannt, wie es weitergeht? Knapp 10 Millionen Menschen sahen am vergangenen Sonntag den ersten Teil einer Doppelfolge, die das Erste der „Tatort“-Fangemeinde aus Anlass des 50. Geburtstages schenkte. Eine durchaus packende Geschichte im kalabrischen Mafia-Milieu auf deutschem Boden – es wird interessant sein, wie sich die grauen bayrischen Wölfe Batic und Leitmayr sowie die Dortmunder Crew um den leicht psychotischen Kommissar Faber schlagen werden. Am Sonntag um 21.45 Uhr werden wir mehr wissen.

Ich bin ein Tatort-Sohn der ersten Stunde. Am 29. November 1970 saß ich als 14-Jähriger mit meinen Eltern vor dem TV-Gerät und sah Kommissar Trimmel zu, wie er den ersten Fall („Taxi nach Leipzig“) löste. Trimmel war Kettenraucher (Zigarre), doch das störte keinen. Auch dass er reichlich Pils und Cognac in seine Ermittlungsarbeit einfließen ließ, rief kaum Proteste hervor. Politisch begann die neue ARD-Reihe mit einem Paukenschlag, denn der erste Tatort ist zu einem großen Teil in der damaligen DDR verortet; es sorgte diesseits und jenseits der Grenze für Gesprächsstoff. Der Tatort ist ein deutsches Geschichtsbuch, in dem wir gern blättern.

Die Genialität der Idee – entwickelt hat sie der vor zwei Jahren verstorbene TV-Produzent Günther Witte – ist in der Vielfalt begründet. Hier greift das föderale Prinzip; jede Region hat ihre unverwechselbaren Tatort-Helden, von Borowski im Norden bis zu Batic/Leitmayr im Süden, von Ballauf/Schenk im Westen bis zu Sieland/Gorniak im Osten. Rüpel Schimanski und Spießer Thanner standen für den speziellen Ruhrpott-Charme, die Hamburger Stoever und Brockmöller feierten die gelösten Fälle mit einem Liedchen und rührten nebenbei die Werbetrommel für die damals frisch ausgeworfene T-Aktie.

"Die am 1. Januar 1978 ausgestrahlte Tatort-Folge Rot-rot-tot sahen 26,57 Millionen Menschen – deutscher Rekord."Alfons Batke

Die Bandbreite ist beachtlich – es geht um Kapitaldelikte in Zusammenhang mit Wirtschaft, Finanzen, organisierter Kriminalität, Migration, Terror oder zunehmend auch mit den Vorfällen in digitalen Untiefen – nicht selten landen die Themen auf der politischen Agenda. Tatorte sind für das Erste in der Regel verlässliche Quotenbringer.

Kaum einer kennt noch Kommissar Lutz, der in Stuttgart wirkte. Die am 1. Januar 1978 ausgestrahlte Folge „Rot-rot-tot“ sahen 26,57 Millionen Menschen – deutscher Rekord. Seit Einführung des dualen Systems mit dem Privatfernsehen scheinen solche Marken utopisch. So sind die auf Komik und Klamauk gepolten Münster-Tatorte mit ihren Protagonisten Thiel und Boerne die Quoten-Könige. Ihr Fall „Fangschuss“ aus 2017 führt mit 14,56 Millionen Zusehern die Hitparade der Moderne an.

Unterschlagen wollen wir in dieser kleinen Tatort-Revue zum Fuffzigsten nicht die kühle Ermittlerin Charlotte Lindholm. Die damalige LKA-Dame feierte ihre Premiere ausgerechnet bei uns im Oldenburger Münsterland – und das mit reichlich Tamtam. Gedreht wurde der Streifen namens „Lastrumer Mischung“, in dem es um einen Giftmord geht, im Jahr 2001, die Ausstrahlung am 5. April 2002 verfolgten 10,2 Millionen Menschen. Und so haben auch wir einfachen Leute auf dem platten Land einen kleinen Platz auf der großen Tatort-Landkarte abbekommen. Allerdings: Auf Google Maps werden Sie Lastrum nicht finden.


Zur Person:

  • Alfons Batke (64) ist Journalist und lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@ov-online.de

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