Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"Kinder mussten früh erwachsen werden"

Otger Eismann aus Friesoythe  veröffentlicht Kindheitserlebnisse im Schatten des Hakenkreuzes. Den Erlös seines Buchprojekts möchte der 87-Jährige spenden.

Artikel teilen:
Erinnerungen: Otger Eismann berichtet in seinem Buch über seine Kindheit unter der Naziherrschaft. Fotos: Claudia Wimberg

Erinnerungen: Otger Eismann berichtet in seinem Buch über seine Kindheit unter der Naziherrschaft. Fotos: Claudia Wimberg

Die kleine Ansteckplakette hätten seine Jungs gerne gehabt. Einfach, weil sie so schön glänzte. Doch Franz Eismann blieb unerbittlich: „Kein Groschen für die Nazis.“ Und weil er seiner „Opferpflicht“ fürs Winterhilfswerk nicht nachkommen wollte, ließ er den Haupteingang der Kirche links liegen und wählte eine Seitentür, um den sammelnden NSDAP-Mitgliedern zu entgehen.

Auch gegen die Einberufung in den Volkssturm wehrte sich der Vater erfolgreich. Als Hitler 1944 anordnete, alle waffenfähigen Männer von 16 bis 60 Jahren sollten ihre Heimat verteidigen, war Eismann bereits seit zwei Monaten 60 „und der Ansicht, damit nicht mehr zur vom Führer festgelegten Gruppe zu gehören. Er kam damit durch“, erinnert sich sein Sohn Otger Eismann.

Der Friesoyther hat seine „Kinderjahre im Schatten des Hakenkreuzes“ verbracht und nun seine Erinnerungen in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht. „Ich möchte meinen Enkeln und vielleicht auch weiteren jungen Leuten diese totalitäre Zeit veranschaulichen und den Zwiespalt, in dem sich auch meine Familie befand, dokumentieren“, sagt der 87-Jährige, der vor zehn Jahren mit der Aufarbeitung begann und 2019 die Idee zum Buch hatte. 1933 im münsterländischen Gescher als Jüngster von acht Kindern geboren, erlebte er 1939, dass vier seiner Brüder eingezogen wurden. Drei kehrten nicht zurück.

Kinderfoto: Eismann veröffentlicht auf dem Titel drei seiner Brüder.Kinderfoto: Eismann veröffentlicht auf dem Titel drei seiner Brüder.

„Kinder mussten früh erwachsen werden und hätten allen Grund gehabt, um ihre verpasste Kindheit zu weinen“, schreibt Eismann. Doch Tränen durften zumindest in der Schule nicht gezeigt werden und auch er hörte von seiner Lehrerin häufig: „Ein deutscher Junge weint nicht.“ Die junge Frau, „eine 150-prozentige Nationalsozialistin“, die dem jungen Otger das Leben nicht zuletzt wegen seines unangepassten Vaters in den ersten vier Jahren schwermachte. Die Methoden radikal und brutal.

Als die Frau ihm nach der Grundschulzeit die Rektoratschule verweigern wollte, schritt Franz Eismann ein und sorgte dafür, dass sein Sohn doch aufgenommen wurde. „Ich habe sie nie wiedergesehen“, sagt der ehemalige Konrektor der Friesoyther Ludgerischule und emeritierte Diakon der St.-Marien Gemeinde.

Die familären Konflikte zwischen christlicher Glaubenslehre und nationalsozialistischer Ideologie spitzen sich zu, als sich die „neue Zeit“ immer mehr auch im lange beschaulichen Gescher durchsetzte. Autoritäten des Dorfes unterwarfen sich dem Parteigefüge, die Judenverfolgung wurde spürbar, während Vater Eismann nach wie vor mit Passivität Widerstand leistete. Der Postbeamte hatte jedoch eine lückenlose Ahnentafel vorzulegen, um über drei Generationen seine arische Herkunft nachzuweisen. Als „Blockleiter“ der NSDAP sollte er Parteibeiträge einziehen, drückte sich aber davor und beauftragte damit seinen Sohn Willi. Mutter Christine führte den Kolonialwarenladen und durfte während des Krieges Lebensmittel nur noch gegen Bezugsmarken herausgeben.

Zu Hause das Scheitern des Attentats bedauert

Als zwei seiner Söhne in Russland gefallen waren, äußerte Vater Franz auch ganz unverhohlen zu Hause sein Bedauern darüber, dass das Attentat auf Hitler 1944 gescheitert war. „Und wir wussten mittlerweile genau zu unterscheiden, was nach draußen dringen durfte und was nicht“, sagt der Sohn. Gescher wurde in den letzten Kriegstagen zwar Opfer des totalen Bombenkriegs, doch der größte Teil der Waffen fiel auf ein freies Feld. Geht der Krieg verloren, würden alle Kinder zur Sklavenarbeit nach Amerika deportiert, hatte man den Schülern eingetrichtert. „So ist es nicht gekommen und als der Krieg vorbei war, fühlten wir uns frei von Angst und Willkür.“

Zeit für ein Update! Mit der jüngsten Überarbeitung unserer App haben wir das Nachrichten-Erlebnis auf dem Smartphone weiter verbessert und ausgebaut. Jetzt im Google-Playstore und im  Apple App-Store updaten oder downloaden.

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"Kinder mussten früh erwachsen werden" - OM online