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Iris Wolff: "Jeder Mensch braucht seine Zufluchten"

Die Autorin Iris Wolff kommt mit ihren 2021 gesammelten Eindrücken zurück an die Stationen ihrer Reise durch Nordwest-Niedersachsen – zum Beispiel nach Cloppenburg.

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"Wörter haben ein Gedächtnis", sagt Autorin Iris Wolff. Foto: © Annette Hauschild/Ostkreuz

"Wörter haben ein Gedächtnis", sagt Autorin Iris Wolff. Foto: © Annette Hauschild/Ostkreuz

Vor einem Jahr wurde das Gesamtwerk von Iris Wolff mit dem Marie- Luise-Kaschnitz-Preis geehrt. Ebenfalls im vergangenen Jahr wurde ihr Roman „Die Unschärfe der Welt“ für etliche Preise nominiert und erhielt unter anderem den Eichendorff-Literaturpreis. Als sei das nicht genug des Guten, machte die Autorin im Herbst 2021 eine Reise durch den Nordwesten Niedersachsens. Nun kehrt die 44-Jährige zurück und startet ihre literarische Tour am 15. Mai (Sonntag) im Museumsdorf Cloppenburg. Vorab beantwortete sie per E-Mail Fragen zu Plattdeutsch, Fremdsein und Integration.

Frau Wolff, Sie waren im Oktober 2021 im Oldenburger Land unterwegs. Grund dafür war das Landgang-Stipendium – ein Reisestipendium vom Literaturhaus Oldenburg. Jetzt kehren Sie mit dem Landgang-Text zurück, in dem Sie Ihre Reiseeindrücke verarbeitet haben. Was hat sich Ihnen – Sie leben in Freiburg – bei Ihrer Reise durch den Nordwesten Niedersachsens besonders eingeprägt?
Die Weite des Himmels, unverstellt von Hügeln und Bergen – das gibt einem selbst nach einer Weile das Gefühl innerlicher Weite und Großzügigkeit.

Sie starten Ihren literarischen Landgang am 15. Mai im Museumsdorf Cloppenburg. Wie haben Sie die Menschen, denen Sie 2021 vielleicht auch in dieser Stadt begegnet sind, erlebt?
Ich freue mich sehr, alle Orte nochmals wiedersehen zu dürfen. Die Menschen habe ich als gastfreundlich und hilfsbereit wahrgenommen, aber ich hatte nicht viel Kontakt, da ich mich nicht an Erich Kästners Rat gehalten habe, auf einer Reise lieber Tavernen aufzusuchen, statt Museen ;-)

Ihr Metier ist die Sprache. Eine ganz eigene ist das Plattdeutsch. Nimmt es einen Teil in Ihrem Landgang-Text ein?
Ja! Sprache markiert Zugehörigkeiten; und um Zugehörigkeit und Fremdsein, um Aufbrechen und Ankommen geht es in meinem Text.

Sie selber verfügen über eine sehr feine und zugleich ausdrucksstarke Sprache. Das unterstreicht Ihr Roman „Die Unschärfe der Welt“. Sie sind mit 8 Jahren mit Ihren Eltern aus Siebenbürgen (Rumänien) nach Deutschland gekommen. Kann es sein, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit sensibler beziehungsweise vielschichtiger im Sprachgebrauch macht?
Wörter haben ein Gedächtnis. Einen Sprach- und Kulturraum wechseln heißt, zu erfahren, dass Sprache immer ein deutender Zugang zur Welt ist. Jede Sprache hat andere Perspektiven und Bilder für die Wirklichkeit. Es macht einen Unterschied, ob Sonne und Rose männlich oder weiblich sind, ob der Wind bläst, wie im Englischen, schlägt, wie im Rumänischen, oder weht, wie im Deutschen – Sprachen wandern in den Blick und mit ihnen ein bestimmtes Licht, ein Geschmack, eine bestimmte Melodie.

In Ihrem Roman „Die Unschärfe der Welt“ heißt es an einer Stelle: „Sie sagten Banat. Und sie hätten Atlantis sagen können, Wunderland, Mittelerde. Sie sagten Rumänien. Und wurden für Rumänen gehalten, als gäbe es eine Übereinstimmung zwischen einem Land und den Nationalitäten, die darinnen leben.“ Nicht nur Nationen ziehen Grenzen, sondern auch Menschen in ihren Köpfen. Wird das „Wunderland“ so zum idealisierten Sehnsuchts- und Zufluchtsort? Hilft oder erschwert solch eine innere Rettungsinsel bei der Integration?
Jeder Mensch braucht seine Zufluchten und Heimaten, das können Erinnerungen, Ideen, Bücher, Hoffnungen und die Religion sein. Aber es ist wichtig, weder die Vergangenheit zu idealisieren, noch eine wie auch immer geartete Zukunft. In Osteuropa, mit seinem Gemisch aus Sprach- und Kulturzugehörigkeiten sowie Konfessionen, gibt es ein anderes Bild von Integration – das Zusammenleben gleicht eher einem freundlich-distanzierten Nebeneinander.

Als Autorin sind Sie in Ihrer Wortwahl völlig frei. Dennoch: Was halten Sie vom Gendern?
In meinen Reden verwende ich sowohl die weibliche als auch die männliche Anrede, in der Literatur das generische Maskulin. Von Gender-Doppelpunkten oder Binnen-I’s halte ich jedoch nichts. Ich kann sie nicht in meiner Literatur verwenden, und so sind sie auch nicht Teil meiner Alltagssprache.

Ihr Roman „Die Unschärfe der Welt“ hat zahlreiche Literaturpreise erhalten und wurde unter die fünf Lieblingsbücher des Deutschen sowie Deutschschweizer Buchhandels gewählt. Was bedeutet Ihnen das?
Ich schreibe seit 18 Jahren, und habe in dieser Zeit Höhen und Tiefen erlebt, Bücher geschrieben, die erfolgreich waren, und andere, die kaum wahrgenommen wurden. Es ist wundervoll, wenn ein Roman so eine große Resonanz erfährt, das macht mich dankbar und auch demütig.

  • Info: Der literarische Landgang mit Iris Wolff beginnt am 15. Mai (Sonntag) um 17 Uhr. Veranstaltungsort ist die Münchhausenscheune im Museumsdorf Cloppenburg. Eintritt: regulärer Museumseintritt (Erwachsene: 9,50 Euro, Kinder (6 bis 16 Jahre): 3,50 Euro). Weitere Infos gibt es online unter www.literaturhaus-oldenburg.de in der Rubrik „Literarischer Landgang“.

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