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In Leihgaben stecken ganz besondere Werte

Im Museum im Zeuhgaus Vechta ist ab sofort die Sonderausstellung "Ein Stück Daheim. Spätaussiedler im Oldenburger Münsterland" zu sehen. Die Exponate und Texte erzählen vom Leben in der alten Heimat.

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Das fein dekorierte Paradebett ist ein Hingucker der Ausstellung. Museumsleiter Kai Jansen und Kuratorin Marina Schmieder haben die Erinnerungsstücke der Spätaussiedler mit viel Bedacht und Kreativität zusammengestellt. Foto: Speckmann

Das fein dekorierte Paradebett ist ein Hingucker der Ausstellung. Museumsleiter Kai Jansen und Kuratorin Marina Schmieder haben die Erinnerungsstücke der Spätaussiedler mit viel Bedacht und Kreativität zusammengestellt. Foto: Speckmann

Bestickte Kissenhüllen und Spitze, dazu ein schmucker Wandteppich und ein gerahmtes Porträt der Familie: Stil- und liebevoller kann der Platz für Übernachtungsgäste kaum eingerichtet sein. In das alte Paradebett würden sich einige Ausstellungsbesucher wohl am liebsten gleich hineinlegen, doch es gibt einen dezenten Hinweis: „Bitte nicht berühren“. Die feine Leihgabe soll geschützt werden. Und mal abgesehen davon: Wer möchte schon ein Nickerchen machen, wenn die Exponate so viele spannende Geschichten erzählen?

Die Sonderausstellung "Ein Stück Daheim. Spätaussiedler im Oldenburger Münsterland" ist ab sofort im Museum im Zeughaus Vechta zu sehen. Im Obergeschoss des Gebäudes bekommen die Besucher einen Eindruck, wie die Menschen in ihrer alten Heimat gelebt haben, welche Kulturen und Gebräuche die Zeit in der ehemaligen Sowjetunion bestimmten und welche Migrationserfahrungen den Weg in den Westen begleiteten.

Für Museumsleiter Kai Jansen ist das Thema hochinteressant, nicht zuletzt aufgrund der Flüchtlingssituation der letzten Jahre. "Menschen waren schon immer auf dem Weg", sagt Jansen und erinnert an frühe Wanderungen in der Steinzeit. Nun richtet sich sein Blick auf die mehr als 50.000 Spätaussiedler russlanddeutscher Herkunft, die sich seit Mitte der 1990er Jahre in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg niedergelassen haben.

Wertvolle Mitbringsel: Geschirr, Brautmode, Instrumente und Fotos erinnern an die Hochzeit in der alten Heimat. Foto: SpeckmannWertvolle Mitbringsel: Geschirr, Brautmode, Instrumente und Fotos erinnern an die Hochzeit in der alten Heimat. Foto: Speckmann

Zu diesen Aussiedlern gehört Dr. Marina Schmieder. Sie hat die Sonderausstellung für das Museum maßgeblich gestaltet und dabei ganz persönliche Erinnerungen und Gegenstände einfließen lassen. In dem kleinen Dorf Orlovka im Osten Kasachstans aufgewachsen, hat sich die heute 47-jährige Visbekerin im Jahr 1995 mit ihrer Familie auf den Weg nach Deutschland gemacht. Sie weiß also noch aus eigener Erfahrung, wie die Menschen in der alten Heimat gelebt haben.

Schmieder hat die Ausstellung bereits im Jahr 2017 für das Museumsdorf Cloppenburg entwickelt. Anschließend gingen die Leihgaben an die Eigentümer zurück. Dass einige der Aussiedler inzwischen gestorben sind, machte es für die Kuratorin nicht einfacher, die Präsentation wieder aufleben zu lassen. Doch ihr gelang es, viele sehenswerte Exponate zurückzuholen und mit neuen Ideen zu kombinieren, sodass die Präsentation nun ein anderes Gesicht hat.

Der Raum lässt zwar nur eine begrenzte Auswahl zu, aber auf eine große Pendeluhr aus dem 19. Jahrhundert wollten die Organisatoren nicht verzichten. Das gute Stück stammt von Katharina Fast aus Pinneberg. Ihre Vorfahren waren damit schon durch das Zarenreich gewandert. Als die Aussiedlerin mit ihrer Familie 1992 nach Deutschland ging, ließ sie die Uhr in einem Container versenden, versteckt zwischen Kleidern, Fotos und Bettzeug.

Exponate dokumentieren die Kulturgeschichte

Die Ausstellung ist gespickt mit vielen Mitbringseln der Spätaussiedler. Handarbeitserzeugnisse, Familienreliquien, Werkzeuge, Bücher, Auszeichnungen, Dokumente und Fotos beleuchten die russlanddeutsche Kulturgeschichte. Doch hier alle Menschen über einen Kamm zu scheren, wäre nicht richtig. "Russlanddeutsche sind keine homogene Gruppe", sagt Schmieder. Sie verweist auf die verschiedenen Siedlungsgebiete mit ihren ganz eigenen Gebräuchen und Dialekten.

Auch in religiöser Hinsicht offenbart sich ein breites Spektrum. Das wird beim Blick in eine kleine Vitrine deutlich, wo unter anderem eine Taschenbibel eines Russlandmennoniten ausgestellt ist. Was die Aussiedler schließlich wieder verbindet, ist der mehr als 40-jährige Leidensweg, der mit Beginn des Ersten Weltkrieges seinen Lauf nahm. Fast andächtig wirkt die leere Holzschatulle eines Mannes, der in einem Arbeitslager ums Leben kam.

"Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich den Wert der Sachen.“Dr. Marina Schmieder, Spätaussiedlerin und Kuratorin der Sonderausstellung

Die Exponate werden durch Hintergrundinformationen ergänzt, sodass sich auch weniger historische bewanderte Besucher in der Ausstellung gut zurechtfinden. Museumsleiter Jansen hätte gerne auch einige Begleitveranstaltungen wie musikalische Lesungen und öffentliche Führungen auf die Beine gestellt, aber das ist aufgrund der Pandemie zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. „Sollte es die Situation zulassen, werden wir entsprechende Veranstaltungen anbieten“, sagt Jansen.

Für Marina Schmieder steht schon jetzt fest, dass die Sonderausstellung viele Erinnerungen wecken und auch das Bewusstsein für die Kultur der Spätaussiedler schärfen wird. "Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich den Wert der Sachen", sagt die Kuratorin. Sie selbst ist sich heute gar nicht mehr so sicher, ob sie mit Kleidern, Geschirr und ein paar Fotos die richtige Auswahl beim Packen der Koffer getroffen hat. Insofern regt ihre Frage an die Besucher zum Nachdenken an: "Was würden Sie mitnehmen, wenn Sie von heute auf morgen Ihre Heimat verlassen müssten?"

  • Info: Die Ausstellung ist bis zum 3. Januar 2021 zu sehen. Nähere Auskünfte über Inhalt, Öffnungszeiten und Hygiene- und Abstandsregeln gibt es im Internet unter www.museum-vechta.de.

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