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Heimweh – das sind körperliche Schmerzen

Petra Huckemeyer arbeitet im Gefängnis. 40 Porträts, 40 Gedanken zur Heimat, das ist die Idee der OV-Serie Heimat.Los.

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Als 1958 in Norddeutschland Geborene gehöre ich zu den Privilegierten: keine Vertreibung der Eltern oder Großeltern durch den Krieg, alle Vorzüge des aufstrebenden deutschen Wirtschaftswunders in vollen Zügen leben dürfen, Bürgertum, Mädchengymnasium, Ausbildung und Studium, Urlaub, keine Trennung der Eltern, eine eigene positive Partner- und Familienerfahrung.

Ich bin ein Glückskind und unendlich dankbar dafür! Meine Heimat ist da, wo ich mich wohlund angenommen fühle, wo meine Wurzeln, meine familiären Bezüge sind. Diese Bindung kann ich weitergeben an meine Kinder: das Gefühl, Zuhause und geerdet zu sein. Heimat verordnen kann allerdings auch ich nicht, weder im Familien- noch im Arbeitsleben. Das zeigt sich tagtäglich. Denn beruflich habe ich eher mit Heimatlosen zu tun. Ich arbeite seit fast 30 Jahren im Gefängnis, knapp sieben Jahre im Männervollzug und schon mehr als zwei Jahrzehnte im Frauenvollzug.

Wer mit dem Gesetz in Konflikt gerät und rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird, dem wird mit dem Gefängnisaufenthalt die Freiheit entzogen, der muss sein soziales Umfeld, seine Familie, seine Heimat verlassen. Wenn man sich nach Zuhause, nach seinem Partner und seinen Kindern sehnt, hat man Heimweh.

Das sind zuweilen regelrecht körperliche Schmerzen. Unsere Frauen haben sicher häufiger Heimweh. Etliche von ihnen sind leider vor der Inhaftierung nicht gut behandelt worden. Sie kommen in schlechter psychischer und physischer Verfassung zu uns. Für diese Frauen ist die Haftanstalt mit ihren Bediensteten, ihren Behandlungs- und Betreuungsangeboten ein Schonraum. Wir können gemeinsam mit ihnen Zukunftsperspektiven entwickeln. Und wenn ich diesen Frauen etwas mitgeben kann, dann vielleicht in Form von Wertschätzung oder einer guten Erinnerung.

Für manche unserer uns anvertrauten Frauen mag selbst das Gefängnis als Ort der Verlässlichkeit, Struktur und Geborgenheit ein kleines Stückchen Heimat bedeuten, an das sie sich irgendwann vielleicht dankbar erinnern.

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