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"Heimatlieder"-Open-Air: Publikum versteht nichts, aber begreift doch

Zum 1. Mal gastieren die Lieder der Migranten und ihr "Finder" Jochen Kühling in Cloppenburg. Im Konzert zur Semestereröffnung der VHS klingt klar heraus: Der Kreativität ist die Nationalität egal.

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Fremd- Vertrautes vor der VHS: Cham Saloum (Mitte) besingt den Schmerz der Liebenden aus Südsyrien. Foto: Kreke 

Fremd- Vertrautes vor der VHS: Cham Saloum (Mitte) besingt den Schmerz der Liebenden aus Südsyrien. Foto: Kreke 

Wenn Cham Saloum die Augen schließt und wie im Traum von den Spuren einer verlorenen Liebe singt, ist kein Wort zu verstehen, aber alles zu begreifen: Die Sehnsucht, der Schmerz sind in Südsyrien, wo das Lied entstand, derselbe wie in Mannheim, wo die junge Frau an der Pop-Akademie studiert hat, ohne ihre musikalischen Wurzeln aufzugeben.

8 solcher Künstler/innen, die nationale und kulturelle Grenzen mit Lust und Können überschreiten, hat der in Berlin lebende Produzent und "Musik-Sammler" Jochen Kühling am Donnerstag gemeinsam mit der Volkshochschule zum 1. Mal in seiner Heimatstadt Cloppenburg  präsentiert. Das Fremde, so seine Botschaft, ist eigentlich das Vertraute, weil sich  Gefühle, Sehnsüchte und Ziele – unabhängig von der Herkunft eines Menschen – nicht unterscheiden. Dies ohne "Übersetzung" auszudrücken, "kann nur Musik", glaubt der 56-Jährige.

Österreicherin spricht 8 Sprachen und singt türkisch

Der Kreativität ist die Nationalität egal: Petra Nachtmanova aus Österreich spricht 8 Sprachen, singt türkisch von 3 Feigenbäumen, auf die ein Gefangener jeden Tag aus seiner Zelle blickt. Die Hoffnung, dass eines Tages die Ketten brechen, übersetzt die Frau mit der anatolischen Laute. Ihr "Hoffnungslied", erklärt sie, klingt vielleicht nicht so angesichts der Last und der Melancholie , aber: "Die Hoffnung muss man darin suchen, die muss man manchmal so ein bisschen herauskratzen." Wie im wahren Leben.

Wie 2 Heimaten in einer vielschichtigen neuen Musik  verschmelzen, lebt Daniel Pircher auf der kleinen Bühne in der Stadttor-Passage aus: Der in Portugal aufgewachsene Berliner Profi-Musiker und Gitarrist verbindet den Fado, den klagenden Volksgesang Portugals, genial mit klassischen Klängen, vertraut scheinenden Harmonien und einem  Oberton-Gesangsstil aus der Mongolei. Wenn Pircher mit dieser Stimme,  fein und hell, über die Traurigkeit hinwegschwebt, darf das Publikum dem Baggerfahrer an der neuen Soestebrücke dankbar sein für die Mittagspause.

Augsburger aus Kamerun ersetzt ein ganzes Ensemble

Immer nur Sehnsucht und Melancholie? Nein, es gibt ja Njamy Sitson, ein Augsburger aus Kamerun, der spielend ein ganzes Ensemble ersetzt. Wie ein Schauspieler, der alle Rollen eines dramatischen Theaterstücks selbst spricht, wechselt der Philosoph und Musikwissenschaftler den Ausdruck, die Tonhöhe, die Gestik und Mimik – ein brillanter Verwandlungskünstler, der jede Bühne beherrscht. Dass er Medumba spricht, eine Tonsprache aus dem Ägyptischen: egal. Denn: Nichts zu verstehen, heißt in diesem Fall, besser begreifen.

Fado gemischt mit Cello: Daniel Pircher (rechts) entwickelt den Volksgesang Portugals klassisch und experimentell weiter, zusammen mit Benjamin Waldbrodt. Foto: KrekeFado gemischt mit Cello: Daniel Pircher (rechts) entwickelt den Volksgesang Portugals klassisch und experimentell weiter, zusammen mit Benjamin Waldbrodt. Foto: Kreke

40, manchmal 50 Menschen blieben in der Passage stehen, hörten konzentriert zu, trotz des anfangs störenden Baustellenlärms. Auf dem Balkon zückten junge Kursteilnehmerinnen der VHS ihre Handys fürs Video. Denn die Direktorin der VHS, Katrin Würdemann, hat nicht übertrieben: "So was hat's in Cloppenburg noch nicht gegeben." 

Kühling, der nach 30 Jahren zumindest zeitweilig wieder in Cloppenburg lebt, ist als musikalischer "Wanderer zwischen den Welten" mit dem Heimatkonzert hoch zufrieden. "Dieselbe Vielfalt, die ich in Berlin erlebe, finde ich hier auf der Straße wieder", sagt er. Was vor 8 Jahren in der ausverkauften Komischen Oper in Berlin begann, funktioniert jetzt auch als Straßenkonzert in der Kleinstadt: Die "Heimatlieder aus Deutschland" sind in seiner alten Heimat angekommen.

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