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„Heimat entsteht im Kopf. In der Seele

Dr. Heinrich Dickerhoff begibt sich auf Spurensuche. Ergebnis: In Romantik wird Begriff zu einem Sehnsuchtsort.

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Ursprünglich aus dem Ruhrgebiet: Dr. Heinrich Dickerhoff. Foto: Willi Rolfes

Ursprünglich aus dem Ruhrgebiet: Dr. Heinrich Dickerhoff. Foto: Willi Rolfes

Jeder Mensch hat drei Lebens-Wünsche, ich kann sie mir merken am Bild eines Baumes. Wie der Stamm möchte ich – zumindest für einen Menschen – einmalig sein, nicht nur ein Stück Wald. Wie die Krone möchte ich mich entfalten, etwas aus meinem Leben machen. Und ich brauche Wurzeln, Heimat.

Was und wo ist Heimat? Das Wort Heimat war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein nüchtern-juristischer Begriff. Das „Heimatrecht“ begründete – wie eine Sozialversicherung – einen Rechtsanspruch auf Versorgung durch öffentliche Kassen, allerdings nur für die Menschen, die selbst durch Abgaben zum Gemeinwohl beigetragen hatten.

Mit der um 1800 beginnenden Romantik wurde Heimat eher zu einer „gefühlten“ Größe, zu einem Sehnsuchtsort. Der lag oft nicht auf der Erdoberfläche, sondern in der Vergangenheit. Die Romantik verklärte das Mittelalter zur geistigen Heimat der Deutschen, und bis heute wird häufig die eigene Kindheit zur Heimat idealisiert. Es ist gut, die eigene Geschichte wohlwollend zu betrachten. Wer sich aber nur in der Vergangenheit zuhause fühlt, kommt mit der Gegenwart nicht zurecht. Heimat entsteht nicht durch Geburt, Heimat entsteht im Kopf. In der Seele. Heimat wird, wo mir das Leben nicht unheimlich erscheint, nicht fremd, nicht undurchschaubar, nicht bedrohlich. Darum wächst in der globalisierten Welt, in der alles zusammen hängen soll und nichts mehr einfach ist, die Sehnsucht nach überschaubaren Lebens-Räumen. Nach Zusammenhängen, in denen ich mich zurecht finde. Mich auskenne. Und manchmal erfahre, dass ich von Bedeutung bin. Also mich in Beziehungen erlebe. Vermutlich suchen die meisten Menschen Heimat eher in vertrauten und verlässlichen Beziehungen als an festen Orten.

Und wo ist meine Heimat? Ich stamme aus dem Ruhrgebiet, das hat mich geprägt, aber ich würde es nicht meine Heimat nennen und sehne mich nicht dorthin zurück. Ich lebe seit 36 Jahren im Oldenburger Münsterland, ich lebe hier gut und gern, aber Heimat ist es nicht: der Beruf hat mich hierhin geführt, Arbeit und Familie halten mich hier. Beziehungen sind mir wichtig, aber die Kinder sind aus dem Haus, die Generation vor mir ist gestorben, viele Beziehungen sind berufsbedingt und werden mit der Berufstätigkeit enden, sich zumindest ändern. Nein, verlässliche Wurzeln sind Beziehungen nicht, eher Blüten und Früchte in der Krone des Lebensbaumes, die ihre Zeit haben.

Heimat ist, glaube ich, nicht außen, nicht früher, sondern innen. Die christliche Tradition meint, wir hätten in dieser Welt keine feste Heimat, wir seien Nomaden, Pilger, Abenteurer. Unsere wahre Heimat sei im Himmel. Das meint nicht einfach: nach dem Tod. Das meint nicht: in den Wolken. Denn der Himmel beginnt in jedem Augenblick in uns.

Im norwegischen Märchen „Der siebente Vater im Haus“ bittet ein Wanderer in einem Bauernhaus einen alten Mann um Unterkunft. Der sagt: „Ich bin nicht der Hausvater hier. Aber sprich mit meinem Vater ...“ Sechs mal wiederholt sich das, die Männer werden immer älter, immer kleiner, immer unheimlicher. Doch der siebte Vater sagt „Ja, mein Kind!“ Heimat ist, wo wir dieses „Ja, mein Kind“ hören. Die christliche Tradition nennt das einen Segen.

Es ist gut, wenn mir dieses Ja zum Leben in der Welt um mich begegnet. Durch zugewandte Menschen. Durch meinen Hund. Durch die herzerwärmende Herbstsonne. Aber es ist wichtig, ihm auch in mir Raum zu schaffen. Durch Dankbarkeit für all das Gute, das mir geschenkt wird. Durch die Pflege guter Erinnerung. Für mich auch durch das Vertrauen, dass hinter aller Unheimlichkeit und Fragwürdigkeit ein letztes Ja steht. Und mir Heimat gibt. Schon hier und heute. Freilich, wie das alte Heimatrecht muss auch die innere Heimat erworben werden durch die Investition von Leben.

  • Das Projekt Heimat.Los der Oldenburgischen Volkszeitung und der Katholischen Akademie Stapelfeld wird von den Volksbanken, den HGVs Vechta/Damme und der Firma Cewe unterstützt.

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