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Grandioser Auftakt in die Vechtaer Theatersaison

"Wir sind Niedersachsen!" feiert die Geschichte des "buntesten Bundeslandes" mit Knalleffekten. Die musikalische Revue versprüht gute Laune, macht neugierig auf 75 Jahre Niedersachsen.

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Familiengeschichte als Landesgeschichte: Ramona Marx (links) und Christoph Sommer (2. von links) spielen Erika und Henk Jannssen. Stefan Faupel deren Sohn Otto (liegend).    Foto: Heinzel 

Familiengeschichte als Landesgeschichte: Ramona Marx (links) und Christoph Sommer (2. von links) spielen Erika und Henk Jannssen. Stefan Faupel deren Sohn Otto (liegend).    Foto: Heinzel 

Es ertönen die Klänge des Niedersachsenliedes. Dann öffnet sich der Blick auf eine chaotische Entbindungsstation. Henk und Erika Jannssen, gespielt von Christoph Sommer und Ramona Marx, werden hier am 1. November 1946 ihren Sohn Otto, verkörpert durch Stefan Faupel, bekommen. Passend dazu singt der Neugeborene dann „Born to be alive“. Dieser Einstieg in das Stück „Wir sind Niedersachsen!“ ist ein einprägsames Sinnbild für die damalige Zeit. Nicht nur Otto wird an diesem Tag geboren, sondern auch Niedersachsen. „Das hält keine 3 Monate“, meint Henk Jannssen mit Blick auf die unterschiedliche Geschichte der einzelnen Landesteile.

Es ist eine dichte, flotte, humorvolle und mitreißende Inszenierung von Regisseur Olaf Strieb

In 1,5 Stunden werden geschickt Familien- mit Landesgeschichte verwoben sowie Klischees, Vorurteile und Rollenbilder vorgeführt. So spielt Christian Jannssen mit der Barbie-Puppe und nicht seine Zwillingsschwester Stefanie. Es ist eine sehr dichte, flotte, humorvolle und einfach mitreißende Inszenierung von Regisseur Olaf Strieb. Voller Charme, toller Musik und packendem Inhalt.

Es ist eine leichtfüßige Aufführung der Landesbühne Niedersachsen Nord, hinter der unglaublich viel Arbeit und Akribie stecken muss, und so wird ein vermeintlich schwerer historischer Stoff zu einer spannenden musikalischen Revue, die Lust auf mehr macht. Das von Rainer Bielfeldt geschriebene Stück fand jetzt beim Publikum im Vechtaer Metropol-Theater großen Anklang. Es gab viel Szenenbeifall und am Ende Begeisterungspfiffe sowie lang anhaltenden Applaus. Das fantastisch aufspielende und harmonierende Ensemble hätte durchaus „Standing Ovations“ verdient gehabt.

Bin ich schon drin? Stefan Faupel als Otto Jannssen entdeckt das Internet für sich. Foto: Heinzel"Bin ich schon drin?" Stefan Faupel als Otto Jannssen entdeckt das Internet für sich. Foto: Heinzel

Zur Handlung: Otto Jannssen ist der erste „waschechte Niedersachse“. Der Zuschauer verfolgt seine Schulzeit, die erste Liebe mit Pauline, seinen Werdegang als Elektrotechniker, die Heirat mit Monika, die Geburt seiner Kinder Stefanie und Christian – bis eben zu seinem 75. Geburtstag und dem Wiedertreffen mit seiner Jugendliebe Pauline. In dieser Zeit erlebt er die Gründung der BRD, die Wirtschaftswunderzeit, die deutsche Teilung, Gorleben, den Mauerfall und noch vieles mehr. Dazwischen haben historische Personen einen Kurzauftritt. So begegnen die Zuschauer Theo Lingen, Willy Brandt, Rudi Dutschke, Lena Meyer-Landrut oder Gerhard Schröder. Letzterer darf sagen: „Hol mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik' ich hier.“ Eine Aussage, die TV-Moderator Stefan Raab zu einem Lied inspirierte.

Solche offenen und versteckten Zitate oder kleine Hommagen finden sich häufiger in der Aufführung. Ein weiteres Beispiel gefällig: Elektrotechniker Otto Jannssen sitzt an seinem PC und es erklingen die klassischen Töne eines Modems. Kurz darauf sagt er fragend: „Bin ich schon drin?“ Hier wird auf einen alten Werbespot des längst vom Markt verschwundenen Internetanbieters AOL mit Boris Becker angespielt. Und so dürfte „Wir sind Niedersachsen!“ auch beim 2. oder 3. Ansehen nicht langweilig werden, da es stets etwas Neues zu entdecken gibt.

Zentrales Element ist die Musik

Auch aktuelle gesellschaftliche Debatten finden sich in dem Stück - wenn auch etwas früher als in der Realität. So soll die Schulklasse von Otto das Niedersachsenlied lernen, und dabei taucht direkt die Frage auf: Wo sind die Töchter? Die Lehrerin antwortet, die seien mitgemeint. Trotzdem wird die Inszenierung nie belehrend oder bevormundend. Sie macht neugierig und regt an, über das Gesehene zu sprechen, nachzudenken und sich weiter zu informieren. Denn viele der komplexen historischen Ereignisse können nur plakativ angerissen werden.

Ein zentrales Element ist die Musik. Sie ist auf den jeweiligen Zeitraum und das angesprochene Thema angepasst. Die Bandbreite reicht dabei von Heintjes „Mama“, „Pack die Badehose ein“ von Conny Froboess und Cindy Laupers „Time After Time“ über das „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug und Nenas „99 Luftballons“ bis hin zu „I've been looking for Freedom“ von David Hasselhoff und Lena Meyer-Landruts „Satellite“.

Historische Personen, wie hier Willy Brandt (Jeffrey von Laun), haben Kurzauftritte in der Inszenierung. Foto: HeinzelHistorische Personen, wie hier "Willy Brandt" (Jeffrey von Laun), haben Kurzauftritte in der Inszenierung. Foto: Heinzel

„Wir sind Niedersachsen!“ wird auf mehreren Ebenen erzählt. Text, Bild, Musik und Geschichte verbinden sich zu einem stimmigen Ganzen, das aber die volle Aufmerksamkeit fordert – ansonsten läuft der Zuschauer Gefahr, etwas zu verpassen.

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